Kultur : Irische Quadratschädel

CHRISTINA TILMANN

"Es ist so schön hier, warum seid ihr bloß alle so verbittert?" fragt der amerikanische Neffe seinen Onkel.Er hat recht: Iris Dara, eine kleine Insel vor der irischen Küste ist schön.Schön auf eine großartige, karge Weise, die den Geist bis in die Wolken hebt.Und dabei das Herz erfrieren läßt.

Schäden tragen alle Einwohner von dieser Kälte davon.Der Onkel, der seine jüngere Schwester zu streng erzog und aus dem Haus trieb.Die beste Freundin der Schwester, die mit ihm ein Verhältnis hatte.Ihr Sohn, der, von seinem Vater nicht anerkannt, sich an die Gastwirtstochter hielt.Die Tochter, die ihren Vater nicht versteht, als dieser ihr die Freundschaft zum amerikanischen Neffen verbietet.Und der Gastwirt selbst, den vor Jahren eine leidenschaftliche Liebe mit dessen Mutter verband.Eine Liebe, die der Bruder zerstörte.

So könnte man Eugen Bradys Film "Der amerikanische Neffe" erzählen.Man könnte aber auch einfach zwei Gesichter wählen: Den smarten Pierce Brosnan, Mitproduzent des Films, der sich die Rolle des Gastwirts wählte, bei der es einmal nichts schadet, daß er keine Regung zeigt.Weil die Menschen in Irland, und Pierce Brosnan ist Ire, eben verschlossene Klötze sind.Schweigsam und schön.Oder schweigsam und häßlich.Wie den irischen Bühnenschauspieler Donal McCann, der den Verlierer spielt, den einsamen Onkel, der in einer Ruine mitten in einem Steinacker lebt.Mit seinem zerfurchten Quadratschädel und seinen tief liegenden Augen ist er ein zweiter Quasimodo, ein Gefühlskrüppel, abstoßend und bemitleidenswert.Wenn er am Ende seinen Neffen bittet zu bleiben, mit aller Hilflosigkeit und Verzweiflung eines Autisten, der sich noch einmal Familie und Nähe wünscht, und mit Worten, von denen er selbst nicht zu wissen scheint, woher sie kommen, dann ist zumindest diese Szene einen langen Film wert.

Cinemaxx Colosseum, Cinemaxx Hohenschönhausen, Stella-Musicaltheater, Filmpalast, Kosmos, Lupe 2

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