Kultur : Irische Torfmusik

Seamus Heaneys Gedichte in einem Band.

von

Ein Gedicht ist ein Stück konkreter Welt. Kein Lyriker hat dies so sehr zum Programm gemacht wie Seamus Heaney. Dass die Welt weder rund noch in der Totalen zu überschauen ist, hat der 1939 im nordirischen County Derry in eine Großfamilie katholischer Bauern und Torfstecher Hineingeborene früh mitbekommen – und der Erfahrung kolonialenglischer Bevormundung, lokaler Begrenztheit und latenten Terrors etwas Rundes abringen können: Jeder seiner Verse fügt sich – ausgehend von einer Kindheitserinnerung, der Küste bei Connamarra, dem Hochmoor oder der Londoner U-Bahnlinie „District & Circle“ – zum Daseinsentwurf.

Heaney handhabt das Sonett so souverän wie freiere Formen. Er ist ein Meister lautmalerischer Wortmusik im Dienst der Landschaft, die vor unseren Augen entsteht. Von ihrem Abwechslungsreichtum kündet ein von Michael Krüger in Zusammenarbeit mit dem in Dublin lebenden Poeten besorgter Auswahlband von gut hundert Gedichten, der das Beste aus elf zwischen 1966 und 2006 erschienenen Büchern sowie Heaneys Dankesrede zum Literaturnobelpreis 1995 enthält. Die den englischen Originalen zur Seite gestellten Übersetzungen (u. a. von S. Fischer–Lektor Hans Jürgen Balmes und dem Dichter Richard Pietraß) kommen dem erdnahen, stets winddurchfluteten, Ausblicke auf Himmel und See gewährenden Heaney-Sound oft nahe. Übertreffen können sie ihn nicht.

„Claritas. Das Wort, lateinisch nüchtern“, heißt es in „Seeing Things – Gesichtetes“ etwa, „Passt tadellos auf den behauenen Stein des Wassers, / Das Jesus bis ans unbenetzte Knie reicht, / Während der Täufer ihm weiteres Wasser / Über den Kopf gießt: All das im hellen Sonnenlicht / An der Fassade einer Kathedrale. Linien, / Hart und dünn und wellig, stehen für / Des Flusses Fließen. Unten, zwischen diesen Linien, / Sind komische Fischlein zugang. Weiter nichts, / Und doch ist bei all dieser Sichtbarkeit / Der Stein ganz voll von dem, was nicht zu sehen ist: / Wassermyrte, flüchtigem Sandgestöber“. Auf Englisch beginnt das so: „Claritas. The dry-eyed Latin word / Is perfect for the carved stone of the water / Where Jesus stands up to his unwet knees / And John the Baptist pours out more water / Over his head: all this in bright sunlight / On the façade of a cathedral.“ Jan Röhnert

Seamus Heaney: Die Amsel von Glanmore. Gedichte 1965-2006. Zweisprachige Ausgabe. Hg. von Michael Krüger. Fischer Taschenbuch, Frankfurt a. M. 2011. 428 Seiten, 16,99 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar