Kultur : Irland liegt in Indien

S. Fischer-Professor: Amit Chaudhuri in Berlin

Daniel Völzke

„Die eigentliche Geschichte mit Anfang, Mitte und Schluss würde niemals erzählt werden, weil sie nicht existiert.“ So heißt es in dem 2001 auf Deutsch erschienenen Prosaband „Die Melodie der Freiheit“ von Amit Chaudhuri (Blessing Verlag). Der indische Erfolgsautor wird in diesem Wintersemester die Samuel-Fischer-Gastprofessur für Literatur an der Freien Universität Berlin antreten und stellte sich mit einer Lesung im Café der Schaubühne vor. Man glaubt dem 43-Jährigen, dass es keiner „eigentlichen Geschichte“ bedarf, um zu unterhalten. Seine Romane und Erzählungen sind kunstvolle Alltagsbeobachtungen, die auf konstruierte Handlungsstränge und Pointen weitgehend verzichten und Stimmungen umso besser einfangen.

Auch im anschließenden Autorengespräch, in dem er sich besonnen, gewitzt und manchmal kokett zeigte, verweigerte sich Amit Chaudhuri großen Zusammenhängen und Zuschreibungen: Kulturelle Grenzziehungen hält der Bengale, der in London und Oxford studierte, für überflüssig. Es gebe heute weder eine genuin westliche noch eine genuin indische Kultur. In seinem Seminar (in englischer Sprache, Mi 18–20 Uhr, Habelschwerdter Allee 45, Berlin-Dahlem) wolle er zeigen, dass neuere Literatur aus Indien zwar einer modernen, humanistischen Idee verpflichtet ist, doch völlig unterschiedliche künstlerische Konzepte verfolgt. Er zum Beispiel fühle sich eher irischen Schriftstellern verbunden als Landsleuten wie Salman Rushdie. Gängige Apostrophierungen für indische Literatur – etwa als „postkolonial“ – seien heute so überflüssig wie das Phantasma von der „eigentlichen Geschichte“.

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