Irokesen-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau : Weg mit den Indianerklischees

Eine opulente Ausstellung im Berliner Martin-Gropius- Bau erzählt die Geschichte der Irokesen, versammelt Schätze aus Kunst und Handwerk und räumt mit dem Klischee vom "edlen Wilden" auf.

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„Horns of a Dilemma“, eine Keramikskulptur von Peter B. Jones aus dem Stamm der Onondaga (1992).
„Horns of a Dilemma“, eine Keramikskulptur von Peter B. Jones aus dem Stamm der Onondaga (1992).Foto: Weltkulturen Museum, Frankfurt a. M./Gropius-Bau

Es gibt in dieser Ausstellung Hunderte von Objekten: Kugelkeulen, kunstvoll verzierte Speere, Ledermokassins mit raffinierten Glasperlenapplikationen, bunte Gewänder, Wandteppiche, geflochtene Körbe und Maisstrohpuppen, die von den Kriegen, dem Alltag und den Friedensritualen der Irokesen erzählen. Doch der Gegenstand, vor dem man am längsten verweilt, besteht aus fast nichts. Es ist eine Bluse aus dünnem Papier, von der Künstlerin Hannah Claus aus dem Clan der Mohawks.

Bilder aus der Irokesen-Schau
Eine Ansichtskarte von der Weltreise der "einzigen echten Nord-Amerikanischen Indianer-Konzert-Kapelle in der Welt", 1910.Weitere Bilder anzeigen
1 von 16Foto: Priivatbesitz Karl Markus Kreis
18.10.2013 12:23Eine Ansichtskarte von der Weltreise der "einzigen echten Nord-Amerikanischen Indianer-Konzert-Kapelle in der Welt", 1910.

Sie fertigte sie 2001 im Stil der Frauenkleidung des späten 19. Jahrhunderts zu Ehren ihrer Großmutter, dem letzten Familienmitglied rein irokesischer Herkunft. An den Ärmeln hat Claus kleine Löcher eingestanzt, Perforierungen, die Glasperlenmuster andeuten, aber vor allem deren Abwesenheit deutlich machen. Die Bluse ist aus Papier, weil Hannah Claus nur noch aus Büchern, nicht aber Erzählungen von ihrem kulturellen Erbe erfahren konnte: Die orale Tradition ist längst verschwunden. Eine Bluse aus Papier – zärtlicher, rührender und einfacher kann man die Erinnerung und Trauer über den Verlust einer Welt kaum darstellen.

Die Irokesen-Schau ist eine Ausstellung für die ganze Familie

Die Geschichte der Irokesen ist natürlich auch eine Geschichte über Landverlust, Entrechtung, Missionierung, Zerstörung. Und der einzige Vorwurf, den man der großen Schau „Auf den Spuren der Irokesen“ im Martin-Gropius-Bau machen könnte wäre der, dass sie die Verbrechen durch Kolonialmächte und Siedler zwar nicht unter den Teppich kehrt, aber auch nicht unterstreicht. Das Ganze ist eine Familienausstellung, eine kulturhistorische Schatzkiste, die zum ersten Mal die Geschichte des indigenen Volkes von den Anfängen bis in die Gegenwart nachzeichnet, dabei den Einfluss auf die westliche Friedens- und Frauenbewegung und die Popkultur nicht vergisst und auch mit Klischees aufräumt.

Den „edlen Wilden“, bekannt aus Coopers „Lederstrumpf“-Romanen oder Karl Mays deutschen Western, kann man vergessen. Die Irokesen, dieser Stammesbund aus erst fünf und später sechs sogenannten Nationen in New York und Ontario, wurden im Gegensatz zu hunderten anderer indigener Völker im Westen gerade wegen ihrer Rolle in den Kolonialkonflikten bekannt: als gefürchtete Krieger, aber auch als Diplomaten, die zwischen Franzosen und Engländern vermittelten.

Auch dass Indianer in Zelten leben ist, zumindest was die Irokesen betrifft, Humbug. Als die Niederländer und Franzosen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ins Innere Nordamerikas vorstießen, lebten die Bodenanbau treibenden Irokesen in Dörfern aus rindengedeckten Langhäusern. In Bonn, wo die Ausstellung im Frühjahr in der Bundeskunsthalle gezeigt wurde, hatte man eines dieser bis zu sechzig Meter langen spektakulären Häuser nachgebaut, das nun aus Kostengründen leider nicht auf dem Parkplatz vor dem Martin-Gropius-Bau steht (dafür berichtet ein Video von Bau und Funktion).

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