Kultur : Ironie des Alltags

Arnold Odermatts Fotografien bei André Buchmann

Angela Hohmann

Wie das Reh ins Auto kam, würde man Arnold Odermatt gern fragen – den selbsternannten Polizeifotografen, der alltägliche Ereignisse im Kanton Nidwalden mit seinem Sinn für beredte Details dokumentierte. Erst Jahre nach seiner Pensionierung entdeckte ihn die Kunstwelt zufällig. Kurator Harald Szeemann stieß 1998 in einem Frankfurter Polizeirevier während einer Ausstellung zur Buchmesse auf seine Bilder und war so angetan, dass er Odermatt drei Jahre später mit 32 Aufnahmen – darunter die inzwischen legendären Karambolagen – auf die 49. Biennale von Venedig einlud.

Bald folgten Ausstellungen im Art Institute Chicago, dem Fotomuseum Winterthur und dem Museum Morsbroich in Leverkusen sowie mehrere Bildbände, herausgegeben von seinem Sohn Urs, der Odermatts Arbeiten in Werkgruppen wie „Meine Welt“ (1993), „Karambolage“ (2003) oder „Im Dienst“ (2006) vorstellte. Seither begeistern die kompositorisch meisterhaften, nüchtern-sachlichen und hintersinnig komischen Aufnahmen Odermatts alle Welt.

Schon in den Fünfzigern dokumentierte der unermüdliche Chronist mit seiner Rolleiflexkamera das für ihn Naheliegende: den Polizeialltag, Unfälle auf den Schweizer Autobahnen, das dörfliche Leben in einer Zeit des Umbruchs. Doch spricht aus seinen Bildern mehr als nur der Wille zur Dokumentation: der kunstsinnige Blick für Details, die Leidenschaft für das Grafische im Bild, das Gespür für die feine Ironie des Alltags. Bereits bei den Karambolagen wurden nicht einfach nur Unfälle gezeigt. Die skurril ineinander verschlungenen Unfallwagen wirkten merkwürdig arrangiert, wie bizarre Metallskulpturen.

In der Galerie Buchmann sind nun 35 Schwarz-Weiß-Fotografien unter dem Titel „Heimat“ zu sehen (8er Auflage, je 3000 Euro): Polizisten bei Schieß- und Motorradübungen, der Autobahnbau im Kanton, Staus und Unfälle als Folge, als Kontrast unberührte Landschaft mit Käsemarkt, Heuernte und Trachten. Auch hier schleicht sich Surreales ein ins Bild: Im Polizeipräsidium streckt ein übergroßer Adler seine Krallen nach rätselhaften Stempeln mit der Aufschrift „Dreiräder" und „schwere Motorwagen“ aus, inmitten einer Winterlandschaft wirken die Polizeitaucher am See wie aufgequollene Pinguine, ähnlich den Nonnen in Rückenansicht. Auch die Präsentation bei Buchmann birgt Hintersinn, wenn eine überfüllte, doppelstöckige Autobahn gleich neben einer riesigen Schafherde an einem Bahnübergang oder die Bergung einer Militärmaschine neben dem Idyll einer Schweizer Landschaft platziert ist. Angela Hohmann

Buchmann Galerie, Charlottenstr. 13; bis 6. August; Di–Sa 11–18 Uhr.

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