Kultur : Ironie des Schreckens

CHRISTOPH FUNKE

Die Naiven, die Träumer, die Komödianten befinden sich in steter Gefahr.Von vielen Teufeln in vielen Verkleidungen läßt sie E.T.A.Hoffmann in seinen bizarren Erzählungen verfolgen.Gut anzusehen sind diese mit höllischen Fähigkeiten in Fülle ausgestatteten Gestalten nicht - aber sie haben die auserlesensten weiblichen Schönheiten an ihrer Seite.Engel von höchstem Ebenmaß, wie die verliebten poetischen Jünglinge meinen, abgrundtief böse Verführerinnen in Wirklichkeit, manchmal auch nur mechanisch verfertigte Puppen: Wenn der Dichter der Welt begegnet, ist er schon verloren.Auf den Turm kommt er noch hinauf, die weite Sicht ins Land wird ihm zuteil, aber dann verfällt er wieder dem raffiniert zubereiteten Entsetzen, und er schmettert aufs Pflaster hinunter.

In den Zauberreichen Hoffmanns waltet nicht nur schrankenlose Phantasie, in ihnen ist auch das Wissen aufgehoben über die unaufhebbaren Bedrängnisse des Künstlers, des empfindsamen Menschen in einer ihm feindlichen gesellschaftlichen Umwelt.Was als keckes Spiel daherkommt, enthält viel Verzweiflung über einen aus den Fugen geratenen Alltag.Hoffmann wirft "ernsthaften Leuten tolle Zauberkappen" über, läßt "seltsame Gestalten" zu Vertrauten werden und gibt sich nur zu gern den Einfällen eines "zu frechen Spukgeistes" hin.Solch schreckhafte Heiterkei kommt im Theater im Palais anspruchsvoll und eigentümlich auf die Bühne."Erzählungen Hoffmanns" entpuppt sich als die kluge Fügung mehrerer Dichtungen des Romantikers.Das szenische Spiel gründet sich vor allem auf die "Abenteuer der Silvesternacht", die Erzählung "Der Sandmann" und das Märchen "von dem Könige Ophioch und der Königin Liris".Den unfaßbaren Geschehnissen dieser Geschichten stellen sich auf winzigem Bühnchen gerade mal drei Komödianten.

Ohne Ironie ist da nichts zu machen.Die drei geben vor, Schauspieler zu sein, die in der Silvesternacht in kümmerlicher Garderobe einer ungewissen Zukunft entgegensehen.Wein muß her, Kerzen werden angezündet, Glöckchen geschlagen, Masken aufgesetzt, Kostüme durchprobiert.Der tolle Spuk verführt zum Singen und Spaßen, und er endet oft hart wieder im staubigen Kostümfundus.Gabriele Streichhahn, Jens-Uwe Bogadtke und Carl Martin Spengler, unterstützt von Henry Krtschil am Klavier, zeigen ihre Fähigkeit, sich Figuren anzuschmiegen, den bannenden Ton des Erzählens ins Spiel umzutauschen.Höhepunkt ist die Olimpia-Episode aus dem "Sandmann" - Gabriele Streichhahn bringt das mechanische Wunderwerk mit würdevoller Präzision und überlegenem Spaß auf die Bühne.Barbara Abend, verantwortlich für Buch und Regie, fordert Aufmerksamkeit und Bereitschaft, sich in Hoffmanns Welt zu fügen.Manche Anstrengung, in der Textverknüpfung, auch im Spiel, bleibt noch spürbar.Aber die Lust am Wunderbaren bricht immer wieder durch, und die in Schwarz und Rot schwelgenden Kostüme der Ausstatterin Christine Perthen tragen die Magie eines Abends in sich, der Wirklichkeit - wenn der Zuschauer nur will - in Phantasie zu lösen versteht.

Wieder heute sowie am 16.und 18.Dezember, 20 Uhr

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