Kultur : Ironisch wunderbar - Ein Kleinkunst-Gewinn in der Berliner Kalkscheune

Norbert Tefelski

Handwerklich astreiner Pop, zugleich eigen und zitierend, parodierend gar. Texte, deren Umfang und Intelligenz aufs Chanson verweisen. Kabarettnahe Momente, dank eines ironischen Umgangs mit sich selbst und dem Soziotop drumrum. Eine rare Mixtur, mit der die Prenzlauer-Berg-Band "Herr Nilsson" endlich wieder Bewegung ins Berliner Kleinkunstspektrum bringt. Insofern ist die Kalkscheune der richtige Ort für den Kontrabassisten Peter Herzau, der sich, wie Gitarrist Sebastian Windisch, gelegentlich an den Flügel setzt, für Schlagzeuger Felix Bialluch und für Jan Böttcher, den Sänger mit literarischer Ader. Der mit jeder Körperfaser in den musikalischen Vortrag kriecht, mit wunderbaren Bildern Skurriles im Banalen entdeckt. Überraschende Brüche, Tempiwechsel erzeugen Spannung. Um drei Ohrwürmer, heimliche Hits für Insider, volumig aufzubereiten, gesellt sich ein live-haftiges Streichquartett hinzu. Dabei auch der Mann vom Mischpult, der streckenweise den Blick fürs rechte Licht verlor. Aber nicht deshalb fiel der Premierenabend nach drei begeisternden Vierteln in ein schmerzliches Loch - aus dem urplötzlich abgegriffene Wendungen wehten, die den bis dorthin erstaunt registrierten Reife-Bonus des durchschnittlich 28-jährigen "Herrn Nilsson" empfindlich anknabberten. Ungeschickt gewählte Titel, mangelndes Tempo. Sympathisches Laisser-faire kippt um in Nachlässigkeit. Weil die Jungs aber andernorts Langstreckentauglichkeit bewiesen, besteht Hoffnung auf Korrektur, auf durchgängig funktionierende Dramaturgie, wie in ihren besten Liedern.Kalkscheune, 20 Uhr 30. Bis 9. 4.

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