Kultur : Irreal: Als Schwuler in Israel - Das Erstlingswerk von Jossi Avner

Clemens Wergin

Ein Sabre, ein in Israel geborener Jude, muss ein Held sein. Mit diesem Anspruch wuchs bis in die 60er und 70er Jahre jeder Israeli auf. Libanon-Feldzug und Intifadahaben einiges getan, diesen Mythos ins Wanken zu bringen. Aber in einer Gesellschaft, in der immer noch fast alle Schulabgänger eines Jahrgangs zur Armee gehen, hat sich ein Tabu angesichts eines machohaft übersteigerten Männlichkeitsideals hartnäckig gehalten: die männliche Homosexualität. Jossi Avni, der lange in Deutschland gelebt hat, präsentiert jetzt mit seinem Erstling einen Entwicklungsroman, der Vereinsamung und vergebliche Liebe von Schwulen zum Thema macht. Avni zeichnet das von Affäre zu Affäre, von Verletzung zu Verletzung taumelnde Leben eines Israelis nach, der dem Wunsch seiner Mutter nach Enkeln entkommt, nach Deutschland, wo er seine Identität freier ausleben kann. Ins Blickfeld gerät aber auch die gesellschaftliche Deformation israelische Schwuler, wenn der Protagonist von seinem Liebhaber verlassen wird, weil der dem Druck nicht mehr standhält, eine Familie gründet und seine Sexualität nachts in den Parks von Tel Aviv befriedigen muss. Bindungsunfähigkeit, Promiskuität und das vergebliche Ringen um Liebe machen Avnis Roman zum melancholischen Porträt einer Generation von Schwulen in Israel.Jossi Avner: Der Garten der toten Bäume. Aus dem Hebräischen von Katharina Hacker und Markus Lemke. Männerschwarm Skript Verlag, 192 Seiten, 34 Mark.

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