Kultur : Irrgarten der Lichter

Isabel Boltons Roman „Der Weihnachtsbaum“

Nadine Lange

Als Hilly Danforth ein kleines Mädchen war, gehörte ihre Familie zur New Yorker Upperclass. Sie wuchs auf mit Teepartys, Hausangestellten und dem Gefühl, von Gott auserwählt zu sein. Am hellsten strahlte die Familie an Weihnachten, wenn sie sich im Glanz eines prachtvollen Baums spiegelte: Er war „behängt mit Blau und Rot und Gold und mit Silberkugeln und Glöckchen und Silbersternen, die derart kunstvoll in ihren Facetten waren, dass sie von Glöckchen und Kugeln, von Stern und Kerzenflamme, von Kostbarkeiten oben und Herrlichkeiten unten so viele winzig kleine Funken und Lichter aufblinken ließen, dass in allen Ästen und Zweigen ein Geflecht, ein Irrgarten aus Helligkeit war, und die Kerzen in den blauen Kerzenhaltern flackerten und züngelten nach oben einem Punkt höchster Ekstase entgegen.“

Jahrzehnte später, kurz vor Weihnachten 1945, will Hilly etwas von damals an ihren sechsjährigen Enkel Henry weitergeben. Und so setzt sie alles dran, für ihn einen schönen Weihnachtsbaum zu organisieren – obwohl der Kleine sich kaum dafür interessiert. Er ist ein Kind der Gegenwart, das den ganzen Tag mit Modellflugzeugbombern spielt. Derweil sind seine Mutter Ann und ihr neuer Mann sowie sein Vater Larry unterwegs zu ihm nach New York.

Die 1883 geborene Mary Britton Miller veröffentlichte den Roman „Der Weihnachtsbaum“ 1949 als ihr zweites Buch unter dem Pseudonym Isabel Bolton. Wie ihr Debüt „Wach ich oder schlaf ich“ erscheint es nun bei Schöffling & Co. auf Deutsch. Es ist die Wiederentdeckung einer sprachmächtigen, eleganten Erzählerin, die offenbar große Bewunderung für Marcel Proust hegte.

Ihre kurvenreichen Langstreckensätze passen zum frankophilen Selbstverständnis der großbürgerlichen Protagonistin, die im Übrigen völlig unsentimental mit dem Abstieg ihrer Familie und den Verwerfungen der Zeit umgeht. Sie scheint sogar froh darüber zu sein, dass die viktorianische Beherrschtheit, unter der sie selbst sehr gelitten hatte, nun endlich aufbricht.

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Am deutlichsten repräsentiert ihr einziger Sohn Larry diesen Bruch: Er ist offen schwul, was Bolton in einer für die vierziger Jahre erstaunlichen Unverkrampftheit ausführt. Eher dem Zeitgeist entsprechen hingegen ihre direkten und indirekten Verweise auf die Psychoanalyse. So bleibt „Der Weihnachtsbaum“ ein sorgsam ausbalancierter und konzentrierter Roman, dessen Titel ihn hoffentlich nicht daran hindert, auch in wärmeren Jahreszeiten verschenkt und gelesen zu werden.

Isabel Bolton: Der Weihnachtsbaum. Roman. Aus dem Amerikanischen von Hannah Harders. Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2006. 240 S., 18,90 €.

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