Kultur : Irrgartenlaube

Ehrung und Flop: David Lynch erhält in Venedig den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk

Jan Schulz-Ojala

Komischer, vergeigter Höhepunkt dieses 63. Filmfests am Lido: die Verleihung des Goldenen Lebenswerk-Löwen an David Lynch am Mittwochabend im Palazzo del Cinema. Und komisch vergeigte Laudatio-Metapher des Festivalchefs Marco Müller: „Es gibt außergewöhnliche Regisseure. David Lynch aber ist die Stradivari unter ihnen.“

Filmisch präsentierte sich die Stradivari freilich schwer verstimmt, feucht geworden im spätsommerlich schwülen Mikroklima der Lagune und bald, seien wir ehrlich, schlicht abgesoffen. Das 172-Minuten-Werk „Inland Empire“, das Lynch zur Gala mitbrachte, ist der unverdauliche Ego-Trip eines unpässlichen Meisters: wirre Story, aleatorisches Assoziationsmaterial, matschige und grobverpixelte Digitalbilder, ein drehbuchloser Rohschnitt, als Kunstwerk verkauft. Feiner ausgedrückt: eine filmische écriture automatique mit Szenen, die laut Lynch „immer neue und wieder andere nach sich ziehen“.

So einfach geht das, und so einfach geht das nicht. Laura Dern, Lynch-Darstellerin schon in „Blue Velvet“ (1986) und „Wild at Heart“ (1990), spielt mit Justin Theroux in einem Film-im-Film-Melodram, dessen Regisseur (Jeremy Irons) den beiden eröffnet, das Projekt sei eigentlich ein Remake: Die Hauptdarsteller des ursprünglichen Films seien ermordet worden. Immerhin ein Lynch-Plot, mit verschobenen Realitätsebenen, mit einer mysteriösen Dauerbedrohung – kurzum jenes Potenzial, das Fans dieses Regisseurs seit jeher zu grusellustvollen Parallelweltreisen und, zuletzt nach „Mulholland Drive“ (2001), zu unaufhörlichen Plot-Knobeleien verführt.

Doch schon früh verliert sich der lose geknüpfte Faden. Und Laura Dern, mit schreckgeweiteten Augen fast dauerpräsent, stolpert von Edelwohnzimmer zu Düsterkorridor auf Motelmobiliar, begegnet polnischen Figuranten, einem Acht-Frauen-Ballett aus Prostituierten und einem stets stummen Beichtpsychiater, und ein Trio von Soap-Couch-Potatoes mit Hasenköpfen ist zwischenzeitlich auch im Bild. Und immer drängender fragt jemand mit einiger Berechtigung: „Wer ist sie?“ und „Wo bin ich?“

Nein, „Inland Empire“ – der Titel soll laut Regisseur unser aller Fantasie-Innenwelt symbolisieren – ist nicht der schlechteste Film in Venedig. Aber ein unendlich schlechter Lynch, in den Himmel gehoben von einem Festival, das auch schon bessere Tage gekannt hat. Man möchte sich totlachen, wenn es nicht so traurig wäre.

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