Kultur : Irrlichter im Dschungel

Brisante Stücke aus Teheran, Damaskus, Kinshasa bei den „Theaterformen“ in Hannover.

von

Iwanow lernt jetzt Englisch. Könnte ja nützlich sein, irgendwann, wenn er das Land verlässt. Allerdings ist nur schwer vorstellbar, dass dieser Teheraner Behördenangestellte die Energie für die Ausreise aufbringt. Es scheint ihn schon alle Kraft zu kosten, mit einer Decke umwickelt im bleischweren Schlurfschritt über die Bühne zu wandern. Oder auch nur zusammengesunken unter weißen Laken auf dem Sofa zu sitzen.

In der Tschechow-Inszenierung der iranischen Mehr Theatre Group ist aus dem verschuldeten russischen Jedermann ein ausgebrannter Phlegmatiker geworden. Der Prototyp des Intellektuellen, der nach der tragisch kurz blühenden grünen Revolution von 2009 in die Resignation gefallen ist. Damals gingen die Menschen gegen den Betrug bei der Präsidentschaftswahl auf die Straße. Heute ziehen sie sich ins Wohnzimmer zurück und verwalten ihre Affären wie ferngesteuert.

Regisseur Amir Reza Koohestani blickt mit einer Melancholie auf die gegenwärtige Verfassung seines Landes, die nichts mehr von seelensüßer russischer Wehmut hat. Über den Figuren hängt die Frage „Was nun?“ so drückend wie die versmogte Luft über Teheran, auf die immer wieder angespielt wird.

Mit diesem iranischen Tschechow ist das diesjährige Festival Theaterformen in Hannover eröffnet worden. Ein starker Auftakt. Die Inszenierung fasziniert vor allem, weil sie das Stück nicht verbiegen muss. Es genügen schon kleinste Dreher, um freilich vor allem bei einem persischen Publikum die Wiedererkennungsreflexe zu kitzeln. Iwanows krebskranke Frau Anna ist wie in der Vorlage eine jüdische Konvertitin, die hier als konservativste der Figuren ihr Kopftuch auch daheim nicht ablegt. In den neureichen Lebedews – bei denen Iwanow in der Kreide steht und mit deren Tochter Sascha er eine Liebschaft hat – wird die korrupte Oberschicht erkennbar, die sich in schicken Villen hinter Mauern verschanzt.

Wie Festival-Leiterin Anja Dirks erzählt, hat die Mehr Theatre Group etliche Anläufe unternehmen müssen, damit ihr „Iwanow“ die Zensur passieren konnte. Wobei es zu theaterästhetischen Diskussionen gekommen sein soll. So heißt es zum Beispiel in einer Szene, die Frauen trügen keine Kopftücher. Was die Zensoren irritierte, denn die Schauspielerinnen verdecken ihre Haare sehr wohl. Anderes wäre nach den islamischen Statuten des Landes auf der Bühne auch gar nicht zulässig. Aber so viel Fiktion muss erst mal bewältigt werden.

Ein Glück, dass dieser bestürmend gegenwärtige „Iwanow“ seinen Weg nach Hannover gefunden hat. Überhaupt bietet das diesjährige Programm des Festivals eine vielversprechende Länderreise. Begonnen im Kongo, dem mit der „Kinshasa Connection“ ein Schwerpunkt gewidmet ist. Unter anderem widmet sich da der Künstler Faustin Lineykula mit „Drums and Digging“ seiner eigenen Generation, die unter dem Operetten-Diktator Mobutu aufgewachsen ist. Der Mann mit der Leopardenfellmütze pflanzte sich ja unter anderem eine irrlichternde Palaststadt nebst Concorde-Landebahn und Atomschutzbunker in den Urwald.

Wie unmittelbar sich die politische Realität auf Künstlerbiografien und Arbeiten auswirken kann, dürfte noch augenfälliger im Stück „Olmamis Mi? War wohl nichts?“ des „Istanbuler Studio 4“ werden. Die Gruppe um den jungen Regisseur Fatih Gençkal wollte in ihrer Inszenierung die eigene Jugend befragen, ihre Prägung durch Kommerz und Pop. Nun werden sie vom Strudel der Proteste auf dem Taksim-Platz erfasst. Und ändern 20 Minuten ihres Stücks. Eine Generation, die sie eben noch als unpolitisch beschrieben haben, erlebt gerade jetzt ihre Politisierung.

Aus Syrien kommt die semidokumentarische Produktion „Intimacy“, die unlängst auch auf dem Home Works Festival in Beirut lief. Sie erzählt die Lebensgeschichte des Schauspielers Yaser Abdellatif, der sich selbst spielt. Der Sudanese ist vor 20 Jahren vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat nach Damaskus geflüchtet und hat sich dort eine Existenz aufgebaut. Die wird nun neuerlich erschüttert. Regisseur Omar Abusaada, der in Syrien ausharrt, während sich seine Gruppe längst in alle Richtungen zerstreut hat, will das Stück unbedingt nach Damaskus bringen. Und wenn es in einer Privatwohnung aufgeführt werden müsste. Patrick Wildermann

Theaterformen Hannover, bis 30. Juni, www.theaterformen.de.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben