Kultur : Irrlichternd

ULRICH AMLING

"Sonntags um vier - Klavier": Dieser Titel einer Philharmoniker-Veranstaltungsreihe reimt sich so gut, wie er charmant auf die falsche Fährte lockt.Das klingt so nett nach Teestündchen.Doch das Leben besteht nicht nur aus Keksen.Olli Mustonen, der junge finnische Pianist und Komponist, präsentiert im Kammermusiksaal echtes musikalisches Vollkornbrot und richtet es so an, daß es zwei Stunden lang aufregende Nahrung bietet.Das liegt zum einen an einer fulminanten Programmidee: Mustonen kombiniert zwölf Präludien und Fugen aus Bachs Wohltemperiertem Klavier mit der gleichen Anzahl aus einem Zyklus, den Dmitri Schostakowitsch 1950 nach der Feier des 200.Todestages des Thomaskantors komponierte.In vier Sechsergruppen umschränkt Bach jeweils Werke von Schostakowitsch, während sich die Tonarten von Stück zu Stück von C-Dur nach h-Moll emporwinden.Ein Brückenschlag über zwei Jahrhunderte hinweg, zwischen dem "Werk aller Werke", wie Robert Schumann Bachs Zyklus nannte, und der erst spät gewürdigten russischen Bach-Hommage.

Gleich mit den ersten Anschlägen setzt sich Mustonen bewußt von einer akademisch-abgeklärten Bach-Deutung ab, betont trotz des strengen Satzes das subjektive, impulsive Element der Musik.Das trübt mitunter die Klarheit, wirkt auch schon mal deutlich überzogen, wie in der abschließenden h-Moll-Fuge: Da traktiert Mustonen schweißbeperlt den Steinway derartig, daß alle Modulation aus dem Spiel schwindet und Dissonanzen schroff an die Oberfläche stoßen.

Doch das ist nicht wirklich wichtig.Vielmehr wird man bei Mustonen Ohrenzeuge, wie ein Virtuose mit schier unbegrenzten manuellen Fähigkeiten einen musikalischen Kosmos vielfarbig durchmißt, erlebt, wie Stimmungen von Bach zu Schostakowitsch (und vice versa) abfärben, vertikal durch das Programm sickern, hier etwas auflösen, um dort eine Spur zurückzulassen: Da verwandelt sich ein barocker Triller zum dunklen Geisterreigen, gerät eine gelassene Meditation zum fahlen Lamento.Mustonen treibt die über 200 Jahre entfernten Werke in seiner romantisierenden Lesart aufeinander zu.Provozierend, irisierend, irrlichternd auch und mit einer Intensität, die sich hustenstillend auf erkältungsgestreßte Besucher übertrug.

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