Kultur : Irrtum und Idee

Der Regisseur über Inspiration, Liebeskummer und die Kunst, Träume nachzustellen

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Monsieur Gondry, Sie sind ein Hirnforscher eigener Art. In Ihren Filmen, Animationen und Musikvideos fallen Träume, Erinnerungen und Inspiration zusammen.

Ich bin in einer sehr kreativen Familie aufgewachsen. Mein Vater war Künstler und Erfinder: Er verehrte Musiker wie Duke Ellington und glaubte, dass es ihnen ganz leicht fiel, etwas aus dem Nichts zu schaffen. Wenn wir jemanden spielen hörten, nahm er mich beiseite und fragte: Begreifst Du den Unterschied zwischen echter Inspiration und bloßem Professionalismus? Mein Vater meinte, Inspiration sei etwas, das einem zufliegt. Ich dachte: Das ist doch unfair! Ich wollte kreativ sein und davon leben können.

Wie entsteht eigentlich Inspiration?

Oft will ich den exakten Moment rekonstruieren, als es ,klick’ machte. Viele Einfälle ergeben sich aus Fehlinterpretationen. Man nimmt etwas wahr, und das Gehirn versucht von selbst, den Dingen einen Sinn zu geben. Man sieht eine Linie und zwei Punkte und denkt: Es ist ein Gesicht. Dabei könnte es alles andere sein. Man verbindet zwei Dinge, die nicht zusammengehören – und hält das dann für eine Idee. Stéphanie sagt im Film über ihr Modellboot, dass sie noch einen Wald dazu haben möchte. Stéphane baut ihr dann den Wald in das Boot hinein. Mir ist das übrigens genauso passiert.

Ist Stéphane ihr Alter Ego?

Er ist mehrere Gondrys in verschiedenen Lebensphasen. Der Film hat viel mit meiner Kindheit zu tun, aber auch mit mir, als ich zwanzig war – ich habe damals an einer dieser seltsamen Kalender-Maschinen gearbeitet. Großen Einfluss hatte aber auch eine Trennung, die ich vor einiger Zeit durchlebte.

Zum zweiten Mal nach „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ setzen Sie sich sehr eigenwillig mit der Liebe auseinander.

Im Grunde gibt es hier ja keine Beziehung. Das ist das Problem von Stéphane und Stéphanie: Man trifft jemanden, der einem Bild oder einer Erwartung entspricht, die man schon lange in sich trägt. Aber diese andere Person teilt dies nicht mit dir! Es ist eine intensive, aber einseitige Anziehung. Besonders schmerzhaft, wenn man dann zurückgewiesen wird.

Es gibt in Ihrem Film das Konzept der „parallel synchronized randomness“. Die Beziehung zwischen Stéphane und Stéphanie scheint genau daran zu leiden.

Wir alle kennen diese Situation: Zwei Menschen gehen direkt aufeinander zu und versuchen, sich aus dem Weg zu gehen – meistens machen beide den falschen nächsten Schritt. So ist es auch oft in der Liebe. Wenn man mit dem falschen Schritt beginnt, folgt eine falsche Reaktion auf die andere. Stéphane spürt das – und er illustriert und bekämpft es in seinen Träumen.

Ist das Filmemachen für Sie ein Weg, Regisseur der eigenen Träume zu sein?

Ich nehme oft Einfluss auf meine Träume. Ich experimentiere dann mit dem Ton oder dem Bild ... oder ich konfrontiere mich mit Angst. Manchmal begreife ich erst, aus welchen Erinnerungen ein Traum sich zusammensetzt, wenn ich einen Film daraus gemacht habe. Aber ich bin kein Traumfilmer. Ich verwende nur ein ähnliches Prinzip wie der Traum: Ich versuche, aus möglichst einfachen Objekten eine erfahrbare Realität zu konstruieren. Daher verwende ich auch keine Computertechnik, sondern nur diese alten Bastel- und Stop-Motion-Verfahren.

Sie könnten auch Kinderfilme drehen.

Das tue ich doch. Ich mache Kinderfilme für Erwachsene.

Das Gespräch führte Sebastian Handke.

MICHEL GONDRY ,
geboren 1963 in Versailles, begann als Werbeclip-Regisseur. „Science of Sleep“ ist sein dritter Spielfilm nach „Human Nature“ und „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“

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