Kultur : Irrungen, Wirrungen

Kreuzberger Szene, dunnemals: Barbara Teufels „Ritterinnen“

Silvia Hallensleben

Lange Jahre hatten Publikum und Filmkritik vom deutschen Kino eingefordert, sich mehr mit den gesellschaftlichen Wirklichkeiten in diesem Land zu beschäftigen. Dann endlich wurden sie erhört. Seit einiger Zeit kommen sie zwar nicht gerade täglich neu, aber doch regelmäßig auf die Leinwand: realitätsgesättigte Gegenwartsfilme wie „Mein Stern“ oder „Klassenfahrt“ – und immer häufiger auch Filme, die sich mit der jüngeren deutschen Vergangenheit beschäftigen. Dabei ist es neben dem Mauerfall selbst vor allem die Dekade davor, die die Filmemacher besonders zu interessieren scheint.

Die noch getrennt erlebten achtziger Jahre als Nostalgieobjekt des wiedervereinigten Landes? Auch Barbara Teufels „Ritterinnen“ beamen uns in jene Zeit des östlichsten Westen namens West-Berlin. Die junge Bonnie hat sich aus der Enge der südwestdeutschen Provinz in die große Welt einer Kreuzberger Fabriketage und die Wirren internationalistischer Politik geflüchtet: Es ist die Zeit von Häuserkämpfen und Anti-IWF-Kampagne. Bonnie ist flippig, tough und voll von umstürzlerischem Elan. Doch die selbstbewusste Prinzessin wirbelt die eingefahrenen Verhältnisse in der revolutionären Wohngemeinschaft tüchtig durcheinander. Denn von dem hübschen Neuzugang mit den wilden Rastalocken lassen sich auch die Jungs dankbar Erniedrigungen bieten, die sie von der alteingesessenen Weiblichkeit nur widerwillig akzeptieren.

Bonnie ist eine Fantasiefigur, von der Schauspielerin Jana Straulino gespielt. Doch sie ist auch das Alter Ego von Barbara Teufel, die sie zur Hauptfigur ihrer halbdokumentarischen autobiografischen Reinszenierung macht. Dazu montiert sie in eine eher konventionelle Spielhandlung arrangierte Gesprächsrunden der – nach ihrer gemeinsamen Wohnstatt in der Kreuzberger Ritterstraße benannten – ehemaligen Ritterinnen und Archivbilder von Demos und anderen Aktionen. Der Film beginnt mit einem Ritual der Wohngemeinschaftsszene – dem „Einstellungsgespräch“ von Bonnie in der Etage. Alsdann arbeitet er wie ein anständiger Historienfilm die üblichen Szene-Debatten der Jahre ab, wobei die Vertreibung der Männer aus dem Ritterinnen-Universum und die Kämpfe um eine autonome „Frauen- und Lesben“-Politik, wie es korrekt hieß, bald eine zentrale Rolle spielt.

Der Versuch, Geschichte aus dem Entweder-Oder von Dokument oder Fiktion zu befreien, ist immer wieder ein ebenso lohnendes wie riskantes Wagnis. Allerdings bedarf es zum Gelingen ernsthaften Aufklärungswillens genauso wie dramaturgischen Feingefühls. Dass die Spielszenen um die Welt der Autonomen-Plenumsversammlungen und auch die WG-Debatten hier wie ein Kreuzberger „Marienhof“ daherkommen, mag vor allem Kenner der Szene erheitern. Weitaus problematischer geraten da die Auswirkungen der personellen Identität von Autorin, Hauptfigur und Regie, die in seliger Dreieinigkeit ganz ungeniert Geschichte zum bunten Hintergrund persönlicher Eitelkeiten reduziert: Barbara Teufel, die sich am Ende einmal kurz mit Töchterchen selbst zeigt, scheint mit dieser Epoche ihres Lebens so gründlich abgeschlossen zu haben, dass sie ihr nur noch anekdotischen Wert gewährt. Sie ist in der Rückschau nicht mehr als die pittoreske Episode im Bildungsroman einer schwäbischen Rotznase, die den jugendlichen Wirrungen als berufene Filmregisseurin entsteigt.

Eiszeit, Hackesche Höfe, Kulturbrauerei

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