Isa Genzken in Berlin : Der Mensch ist auch nur eine Puppe

Endlich in Berlin: Der Martin-Gropius-Bau präsentiert mit „Mach Dich hübsch!“ die große Bildhauerin Isa Genzken.

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Kostümierte Schaufensterfigur aus Isa Senzkens Serie "Schauspieler", 2013.
Kostümierte Schaufensterfigur aus Isa Senzkens Serie "Schauspieler", 2013.Foto: epd/VG Bildkunst Bonn 2016

Bei der Retrospektive im Museum of Modern Art zum 65. Geburtstag titelte die deutsche Boulevardpresse begeistert: „New York feiert unsere schrillste Künstlerin“. Drei Jahre später ist Isa Genzken mit einer großen Ausstellung endlich auch dort angekommen, wo sie seit 20 Jahren lebt: in Berlin. Der Martin-Gropius-Bau widmet der berühmten Bildhauerin das halbe Untergeschoss und den Lichthof. Trotzdem hätte sie viel mehr Platz gebraucht. So manche Skulptur steht zu eng, die ausgreifenden Ensembles bedrängen einander.

Doch muss man froh sein, das Werk der begehrten Künstlerin hier mit 150 Arbeiten aus allen Phasen nun umfangreicher ausgebreitet zu bekommen – nicht nur in kleineren Ausstellungen wie bei ihrer Berliner Galerie Neugerriemschneider oder im Schinkel-Pavillon. Die Berliner Retrospektive deckt das ganze Spektrum ab: von der Skulptur bis hin zu Malerei, Film, Fotografie, Künstlerbuch.

Möglich wurde die Schau nur durch Anschubhilfe aus Amsterdam. Die Retrospektive ist vom Stedelijk Museum übernommen, kuratiert von Beatrix Ruf und Martijn van Nieuwenhuyzen. Die neue Direktorin hatte an ihrer vorherigen Wirkungsstätte in der Kunsthalle Basel eine große Genzken-Ausstellung eingerichtet; sie besitzt das Vertrauen der scheuen Bildhauerin, die gleichwohl mit ihren Arbeiten das Innerste nach Außen kehrt.

Nofretete trägt Sonnenbrille, Schlips und Kopfhörer

Immer wieder tauchen Fotos von ihr selber auf, tanzend, feiernd, verkatert morgens im Bett. Die trashigen Skulpturen der letzten Jahre mit Schaufensterpuppen, die Genzkens ausrangierte Kleidung tragen, sind als gerupfte Selbstporträts zu lesen und verraten viel über eine Künstlerin, die jahrelang Alkoholsucht und Depressionen ausgesetzt war. Die aberwitzigen Kombinationen von Nofretete-Büsten mit Sonnenbrille und Perücke, Lackschuhen und schwarzem Schlips, Kopfhörern und Plastikpenis zeugen jedoch von Humor und Lebenslust.

Wer eine Genzken-Ausstellung besucht, muss mit Verstörung rechnen, ihre Skulpturen stecken voll Destruktivität, insbesondere die Serie der „Schauspieler“ wirkt schockierend schroff. In den Figuren sind Billigprodukte verarbeitet, sie bedienen sich mit ihren Masken bei der Comic-Kultur, sind bemalt, besprüht, beklebt. Zugleich bannen diese Anti-Helden den Betrachter durch ihr präzises Formgefühl, die intuitive Inszenierung. Hier ist jemand am Werk, der wild mixt, was sich auch im eigenwilligen Kleidungsstil Isa Genzkens niederschlägt, jemand, der eine überbordene kreative Energie besitzt und doch fein austariert.

Wie Kompassnadeln liegt der Ursprung dieses Sensoriums im Lichthof ausgebreitet: speerartige Ellipsoide und Hyperbolos aus den siebziger und frühen achtziger Jahren. Die eleganten, fast schwebenden Bodenskulpturen gehen zurück auf eine Performance in Anlehnung an Bruce Nauman, bei der die Künstlerin selber auf dem Boden lag. Geschärft für das spannungsreiche Verhältnis zwischen Raum und flachem Korpus ließ Genzken die schmalen, meterlangen Rundkörper von einem damals hochkomplizierten Computerprogramm berechnen, schuf sie aus Holz nach und bemalte sie mit den klaren Farben der von ihr bewunderten Minimalisten. Namentliche Nennungen zeugen von einer Personifizierung. Von Anfang an steckt eine Wucht, ein verletzliches Empfinden in den Skulpturen, die von den männlichen Kollegen damals noch als Nähnadeln oder Zahnstocher verulkt wurden.

Genzken gestaltete 2007 den deutschen Pavillon in der Biennale in Venedig

Mit der ihr eigenen Unbeirrbarkeit aber machte Isa Genzken weiter, schlug immer wieder neue Haken, blieb bei keinem Stil, baute spröde Betonskulpturen auf meterhohen Podesten und entwickelte ihr heute auf der ganzen Welt von jungen Künstlern bewundertes Prinzip des Samplings. In 40 Jahren hat sie es damit zu einer der bedeutendsten Künstlerinnen des Landes gebracht, die 2007 den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig gestalten durfte. Zwischen diesen beiden Polen hält sich ihr Werk – hier die Coolness des Minimal aus den frühen Jahren, dort die Unbedingtheit des Selbstausdrucks. Auf die Meinung ihrer großen männlichen Kollegen gibt die Ex-Frau von Gerhard Richter längst nicht mehr viel, ihre Welt ist die der Clubs, der Techno-Subkultur. Von sich selbst sagt sie: „Ich bin der beste Schwule.“ Der Ausstellungstitel „Mach Dich hübsch!“ geht zurück auf die zur Collage verarbeitete Anzeige einer Homosexuellen-Website, die damit wirbt: „50.000 Jungs warten auf dich.“

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