Kultur : Isaiah Berlin: Helden wie sie

Richard Herzinger

Dem britischen Ideenhistoriker Isaiah Berlin galt die individuelle Freiheit als das kostbarste menschliche Gut. Nicht nur wurde sie von autoritären und totalitären Systemen immer wieder brutal beschnitten oder gänzlich liquidiert. Auch viele wohlmeinende Demokraten und ums Gemeinwohl besorgte Moralphilosophen betrachten sie mit Argwohn. Nur wenn Freiheit durch soziale Tugenden wie Solidarität gezügelt und auf gemeinschaftsfördernde Bahnen gelenkt werde, sei sie gerechtfertigt.

In seinen berühmten "Four Essays on Liberty" von 1969 hielt Isaiah Berlin dagegen: Freiheit ist nicht Mittel zu einem höheren Zweck, und sie kommt nicht erst dadurch zu sich selbst, dass sie mit anderen Werten verbunden wird. Sie ist nicht mehr und nicht weniger als die Abwesenheit von Zwang. Berlins "negativer" Freiheitsbegriff hat nichts mit einem naiven Anarchismus zu tun, der glaubt, die Menschen würden nur noch das Gute tun, wären sie bloß erst von der Bevormundung durch Autoritäten erlöst. Freiheit beinhaltet auch die Möglichkeit, bösartig, unterdrückerisch und ausbeuterisch zu handeln. Doch dies belegt für Berlin nur umso deutlicher, dass sie eben nicht bruchlos mit "positiven" Werten in Übereinstimmung gebracht werden kann. Zwischen ihr und anderen Werten besteht ein unaufhebbares Spannungsverhältnis, das nur ausgehalten, nicht aber beseitigt werden kann.

Gerade weil Berlin der individuellen Freiheit in ihrer ganzen Unberechenbarkeit einen so hohen Wert beimaß, wusste er die Bedeutung wahrhaft freier Geister zu würdigen, die bleibende Werte für die ganze Menschheit geschaffen haben. Das beweist eine jetzt auf Deutsch erschienene - im englischen Original erstmals 1980 veröffentlichte - Sammlung von Porträts. Hinter dem unterkühlten Titel "Persönliche Eindrücke" verbergen sich meisterhafte posthume Lobreden auf ungewöhnliche Menschen, denen sich Berlin ideell verwandt fühlte. Es sind Elogen - ein Genre, das ein moderner Intellektueller normalerweise meidet wie der Teufel das Weihwasser. Setzt man sich damit doch leicht dem Verdacht aus, unkritisch zu sein oder die Prägung des Individuums durch "Umstände" und "Strukturen" zu missachten. Isaiah Berlin hatte solche Hemmungen nicht, weil er an keinen historischen oder gesellschaftlichen Determinismus glaubte: So wie Freiheit nur als konkrete Freiheit des Einzelnen existiert, so sind es in letzter Instanz die Eigenschaften und Entscheidungen konkreter Individuen, die den Verlauf der Geschichte bestimmen.

Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt sind dafür die leuchtendsten Beispiele: Ihr unbeugsamer Wille garantierte das Überleben der Demokratie im Augenblick ihrer schlimmsten Bedrohung durch den Totalitarismus - und Isaiah Berlin versagt es sich nicht, sie dafür leidenschaftlich zu preisen. Namentlich bei der Zeichnung der Statur Churchills spart er nicht mit Superlativen. Er ist für ihn ein "Redner von hinreißender Kraft, der Retter seines Landes, ein mythischer Held, der ebenso ins Reich der Sage wie in die Wirklichkeit gehört, der größte Mensch unserer Zeit". Der Zukunftsoptimismus des ebenso pragmatischen wie experimentierfreudigen Amerikaners Roosevelt und die nüchterne Unbeirrbarkeit des grüblerischen, in der Vorstellung unwandelbarer Traditionen verhafteten Briten Churchill repräsentieren für Berlin zwei Kardinaltugenden der demokratischen Zivilisation, die sich in der freundschaftlichen Verbindung zwischen diesen so unterschiedlichen Männern ideal ergänzten. Nicht weniger beeindruckt zeigt er sich von der Leistung Chaim Weizmanns: Er war "der erste vollkommen freie Jude der modernen Welt, und der Staat Israel wurde, ob ihm das bewusst ist oder nicht, nach seinem Ebenbild geformt".

Berlins Helden des liberalen Geistes sind jedoch alles andere als Übermenschen. Zu ihrer Größe gehören bei ihm gerade auch ihre Irrtümer und Unzulänglichkeiten - und ihre Fähigkeit, sich die Begrenztheit ihrer Möglichkeiten vor Augen zu führen. Es sind auch keineswegs nur bedeutende Staatenlenker, denen Berlins Verehrung gilt. Er porträtiert unter anderen Albert Einstein, Virginia Woolf und Aldous Huxley - aber auch Philosophen und Wissenschaftler, deren Namen und Ideen dem deutschen Publikum weitgehend unbekannt sein dürften, die in der einfühlsamen Schilderung Berlins aber lebendige Gestalt annehmen.

Isaiah Berlin, der als Professor in Oxford (wo er 1997 starb) und als Präsident der Britischen Akademie der Wissenschaft zu Ruhm und Ehren gelangte, war das Gegenteil eines weltabgewandten Stubengelehrten. 1909 in Riga in ein jüdisches, deutschsprachiges, bürgerlich-liberales Elternhaus hineingeboren, wuchs er in Russland auf, wo er die Anfangsphase der bolschwistischen Diktatur miterlebte. Nach der Emigration der Familie nach England und seinem Studium in Oxford arbeitete er für das britische Foreign Office und verbrachte 1945 in Diensten der englischen Botschaft einige Monate in Moskau. Dort lernte er Boris Pasternak und die große Lyrikerin Anna Achmatowa kennen und wurde Zeuge der unsäglichen Bedrängung des freien Gedankens und der künstlerischen Kreativität unter der stalinistischen Diktatur. Dieser Begegnung mit russischen Schriftstellern hat Berlin das ausführlichste und liebevollste Kapitel gewidmet, das den Band abschließt und krönt.

In der glänzenden Einleitung von Noel Annan, die den Ideenkosmos Berlins auf unterhaltsamste Weise anschaulich macht, heißt es über ihn: "Menschen machen ihm Freude, weil er eine besondere Gabe besitzt, an der es manchen von denen, die weise Urteile über Leute fällen, schlichtweg mangelt: Ich spreche von seinem unverwüstlichen Sinn für Humor." Es ist nicht zuletzt dieser unterschwellige, niemals aufdringliche Humor, der seine Sprache noch im höchsten Pathos vor jedem Anflug von Schwulst und Sentimentalität beschützt. Wer Isaiah Berlin noch nicht entdeckt hat und von ihm noch nicht hingerissen ist, findet in seinen fesselnden Menschenbeschreibungen die ideale Einstiegsdroge.

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