Islam-Debatte : Anti-Dilettanti!

Caroline Fetscher über die deutsche Islam-Debatte.

Tür an Tür mit unserer Wohngemeinschaft im Hamburger Stadtteil St. Pauli wohnte Mitte der achtziger Jahre eine muntere Familie von „Gastarbeitern“. Mutter und Vater waren Cousin und Cousine, einander von Geburt an versprochen und nach knapp einer Handvoll Schuljahren als Teenager verheiratet worden. Ihre fünf hellwachen Sprösslinge rutschten, einer nach dem anderen, in die Sonderschulen der Hansestadt ab. Mit „Ausaufgamm“ konnten die Eltern wenig anfangen.

Nein, das ist keine antiislamische Einleitung. Rosaria und Luigi B. waren und sind katholische Sizilianer vom Land. Allerdings: Lange haben solche Biografien die Öffentlichkeit kaum berührt. Das ist heute endlich anders. Überall, wo Abertausende in Ballungsgebieten ähnliche Lebensläufe aufzubieten haben, setzen sich mittlerweile Schulleiter, Politiker und Publizisten mit oder ohne Migrationshintergrund für soziale, ökonomische Partizipation ein. Wunderbar – doch es passiert etwas Erstaunliches. Da die meisten der chancenarmen Migranten muslimischer Herkunft sind, geraten Reformer und Kritiker unter den Generalverdacht, „antiislamisch“ oder gar „kolonialfeministisch“ zu denken, wie eine Kommentatorin der „taz“ sich entrüstete.

Tatsächlich konfrontieren gerade couragierte Muslime wie Necla Kelek, Seyran Ates, Hamed Abdel-Samad, Ayaan Hirsi Ali oder Irshad Manji muslimische Communities mit Forderungen nach Säkularismus, Pluralismus und sexueller Emanzipation. Tatsächlich werden ihre Argumente auch von Gruppen aufgegriffen, die jeweils Teilaspekte des Diskurses für sich nutzbar machen, von Feministinnen wie Konservativen, die mitunter temporäre Allianzen oder Zweckbündnisse bilden. In den Feuilletons, die schubweise das Thema entdecken und wieder fallen lassen, gibt es dieser Tage großes Hauen und Stechen. Manche wittern in der partiellen Eintracht zwischen CDU und „Emma“ biopolitische, sogar faschistoide Tendenzen.

Krummer könnten Fronten kaum konstruiert werden. Sicher existiert seit der sehr realen Zerstörung durch die Anschläge des 11. September neben berechtigter Sorge und Aufmerksamkeit auch dumpfe Islamophobie, die alle Merkmale der Fremdenfeindlichkeit trägt. Ausgerechnet demokratisch denkende Muslime, die patriarchale Traditionen kritisieren, oder Lokalpolitiker, die für Integration streiten, in einen Wok mit Neonazis zu werfen, ist allerdings grotesk. Grotesk, weil die politischen Ziele der Gruppen einander ausschließen, weil die Parallelisierung die schwere Arbeit der Reformer desavouiert und weil das, wieder mal, genau die Generation gefährdeter Heranwachsender ignoriert, um deren Chancen es gehen muss. Für sie ist die Fähigkeit der Erwachsenen zu produktiver Kritik existenziell.

Wechseln wir die Perspektive, um klarer zu sehen: Über die Gewalt missbrauchender zölibatärer Kleriker und Nonnen werden, etwa in Irland und Amerika, seit Jahren kiloweise Akten publik, Skandalöses kommt heraus. Antikatholische Umtriebe? Unsinn. Nur das, nur kritische Aufklärung sorgt für den notwendigen Reformdruck von innen wie von außen.

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