Kultur : Islam: Der Kulturkrieg

Harald Martenstein

In amerikanischen Städten wird Jagd auf Moslems gemacht, Geschäfte werden demoliert. Pogromstimmung, ja. Dem muss man sich selbstverständlich entgegenstellen, und der amerikanische Präsident hat es in einer Erklärung getan. Die moslemischen Amerikaner dürften nicht pauschal verurteilt werden. Die Erklärung des Präsidenten ist allerdings unvollständig. Richtig müsste es heißen: Die Moslems überall auf der Welt dürfen nicht pauschal verurteilt werden.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Verwenden wir das Wort, bei dem wir immer noch und zu Recht zusammenzucken, Krieg. Der Krieg, den die extremste Variante des moslemischen Fundamentalismus begonnen hat, ist ein Abwehrkrieg. Sie wollen nicht Amerika erobern. Sie wollen verhindern, dass Amerika von den Seelen der Rechtgläubigen Besitz ergreift, deswegen soll Amerika zerstört oder mindestens durch Demütigung geschwächt werden. Die extremen Fundamentalisten spüren, wie unwiderstehlich stark die westliche Kultur ist, mit ihrem Angebot an Waren und Freiheiten. Sie sind so brutal, weil sie so schwach sind. Die Fundamentalisten müssen sich nur die Bilder der jungen Palästinenser anschauen, wie sie grüne Fahnen schwenken, Gott anrufen und Steine werfen. An ihren Füßen tragen sie Nike-Schuhe, und am Abend hören viele von ihnen die gleiche gottlose Musik wie die jungen Leute in New York. Wenn Osama bin Laden siegt, werden die jungen Palästinenser sich sehr wundern. Sie werden weniger frei sein.

Deswegen ist der Krieg der extremen Fundamentalisten auch ein Krieg gegen die eigenen Leute. Sie wollen verhindern, dass ihre Leute frei werden. Der Islam ist nicht altersmilde wie das Christentum und Judentum, er hat keine Reformation erlebt. Trotzdem weicht er an den Rändern auf, durch den Kontakt mit der westlichen Welt. Der Islam, sogar der fundamentalistische, ist tolerant gegenüber Andersgläubigen, das stimmt, aber er ist nicht sonderlich tolerant, was den Verlust des eigenen Glaubens bei den eigenen Gläubigen betrifft. Das Christentum und das Judentum kennen zwischen dem Gläubigsein und dem Ungläubigsein unendlich viele Facetten. Fast jeder von uns ist zumindest ein bisschen Christ, nur wenige sind es hundertprozentig. Diese Vorstellung ist für einen Fundamentalisten unerträglich. In einem fundamentalistischen Land darf ein Christ bei sich zu Hause ruhig Christ sein, aber eine moslemische Frau, eine Gläubige, darf nicht ohne Kopftuch auf die Straße.

Der Krieg der Fundamentalisten richtet sich gegen die Duldsamkeit, gegen das Laissez-Faire, gegen den Individualismus. In diesem Krieg muss der Westen paradoxerweise eines seiner Prinzipien verraten, nämlich die Toleranz. Was auf Terror und Unterdrückung hinausläuft, hat auf Toleranz keinen Anspruch. Duldsamkeit gegenüber anderen Kulturen kann es nur auf Gegenseitigkeit geben. Wir im Westen, die meisten von uns, sind von der Richtigkeit unserer Prinzipien überzeugt - von der Demokratie, die es in kaum einem islamischen Land gibt, von den Menschenrechten, gleichen Rechten für beide Geschlechter. Es ist barbarisch, einem Dieb die Hand abzuhacken, es ist ein Verbrechen, eine Ehebrecherin zu steinigen. Natürlich gibt es auch im Westen Barbarei, es gibt die Todesstrafe, Folter, postkoloniale Ausbeutung ... all das wird im Westen allerdings angeprangert, Opposition ist möglich. Die Dinge können sich ändern. Der Gottesstaat aber kennt keine Opposition, keinen Wandel, nur den Teufel. Keiner unserer Dritte-Welt-Romantiker würde es in einem islamischen Staat lange aushalten. Ob es um die Sowjetunion ging, um die Despotien der Dritten Welt oder jetzt um den islamischen Gottesstaat, immer erheben im Westen einige Romantiker die Stimme, voller Verständnis, weil sie selber es ja nicht aushalten müssen. Von außen ist immer gut reden.

Wir - die meisten, es gibt leider ein paar Ausnahmen - drängen unsere Prinzipien niemandem gewaltsam auf. Der globale Kapitalismus besorgt das schon, die mächtige westliche Kultur, die Verlockung der Freiheit, in der es sich immer besser leben lässt als in der Despotie.

Der Krieg gegen Terror und Fundamentalismus kann nicht militärisch gewonnen werden, nur kulturell. Es gibt kein Territorium, auf dem man den Gegner stellen könnte. Wahrscheinlich gibt es auch keinen Friedensvertrag, den dieser Gegner nicht brechen würde, denn er hält uns, die Ungläubigen und die Dreiviertelgläubigen, nicht für würdige Vertragspartner. Die Situation gleicht ein wenig dem Dreißigjährigen Krieg, in dem es keine klaren territorialen Abgrenzungen gab und keine klaren militärischen Ziele, nur den Motor des Glaubens und des Hasses. Katholiken und Protestanten schlugen einander tot, bis zur Erschöpfung, bis die Erkenntnis sich einstellte, dass man sich mit der Existenz des jeweils anderen abfinden muss. Damit war der Boden bereitet für den Geist der Aufklärung, für die Relativierung und Zivilisierung des Glaubens. Die Religion wurde zu einer privaten Entscheidung.

Damit muss auch der Islam sich abfinden. Viele Moslems leben längst so. Die Entscheidung für die Religion, für den Islam, ist für sie eine Entscheidung, die sehenden Auges getroffen wird, in Freiheit, im vollen Bewusstsein der Verlockungen des Westens. Eine Entscheidung auf dem freien Markt der Möglichkeiten, deren Richtigkeit sich frühestens im Jenseits herausstellt. Deshalb sind im Westen Gläubige und Ungläubige fast immer Zweifler, und fast jeder hat heimlich zu Hause ein paar Aktien der anderen Firma. Nichts zivilisiert die Menschen so sehr wie eine Prise Zweifel an der Richtigkeit des eigenen Glaubens.

Die Fundamentalisten führen Krieg, weil sie den Wettbewerb scheuen und nicht begreifen, dass die Religion durch den Zweifel hindurch muss, wenn sie heute überleben will. Sie fürchten, dass ihnen die Gläubigen davonlaufen, wenn sie nur ein einziges Mal einen Tag in New York verbracht haben.

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