Islam in Deutschland : Trainerin für den Dialog der Religionen

Die junge Mazedonierin Lejla Demiri bildet die ersten muslimischen Theologen in Deutschland aus. Noch forscht die Expertin für interreligiösen Dialog in Berlin. Porträt einer Pionierin.

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Die 36-jährige Lejla Demiri hat bereits in Großbritannien Imame unterrichtet.
Die 36-jährige Lejla Demiri hat bereits in Großbritannien Imame unterrichtet.Foto: Thilo Rückeis

Im Gewimmel der Studenten vor der Mensa in der Silberlaube der FU fällt sie nicht auf. Klein und zierlich, scheint sie zu den Jüngeren unter den Studenten zu gehören. Doch die aus dem heutigen Mazedonien stammende Lejla Demiri hat ihr Doppel-Studium der muslimischen und der christlichen Theologie längst abgeschlossen. Künftig wird sie am Zentrum für Islamische Theologie in Tübingen deutsche Imame und Religionslehrer ausbilden, die Professur für Islamische Glaubenslehre hat die 36-Jährige erst kürzlich angenommen.

In dieser Woche ist mit dem Tübinger Zentrum die bundesweit erste Institution dieser Art von Bundesbildungsministerin Annette Schavan eröffnet worden. Zwar studieren schon seit dem Sommer die ersten 36 Studenten dort, aber die Ausbildungsstätte ist noch im Aufbau begriffen. Bisher unterrichten nur ein Professor samt Assistenten; der Gebetsraum wird erst gebaut. Insgesamt vier Zentren für Islamische Theologie sollen in Deutschland für die Ausbildung muslimischer Prediger und Religionslehrer eingerichtet werden – Lejla Demiri ist eine Pionierin.

„Ich bin sehr gespannt und weiß nicht genau, was mich erwartet“, meint Demiri, die ihren Job im Sommer antreten wird. Das ist weit untertrieben, denn sie hat durchaus bereits Erfahrung mit der Ausbildung von Imamen in Westeuropa: Nach ihrer Doktorarbeit an der Universität Cambridge unterrichtete sie am Muslim College der britischen Universitätsstadt in England Imame in der Kunst des interreligiösen Dialogs.

Demiri weiß, dass die Politik sich von den neuen Studienzentren wichtige Impulse für die Integration der etwa vier Millionen Muslime in Deutschland erhofft. Bisher kommen die Imame meist aus der Türkei, sprechen kein Deutsch und kennen die westeuropäische Kultur nicht gut. Aber Demiri betont, dass sie Wissenschaftlerin ist, keine Politikerin. Auf die Frage nach dem Unterschied im Umgang mit dem Islam und Muslimen zwischen Großbritannien und Deutschland, antwortet sie diplomatisch: Großbritannien habe aufgrund des Commonwealth und des langen Kontakts mit muslimischen Migranten „vielleicht mehr Erfahrung“.

Demiri ist in Jugoslawien aufgewachsen, wo die christlichen Religionsgemeinschaften die Mehrheit stellten. „Aber man durfte damals nicht sehr religiös sein“, stellt sie klar. Religion war Privatsache. Sie war sechs Jahre alt, als sie bei einem Privatlehrer den Koran auf Arabisch zu lesen begann. Später ging sie auf eine religiöse Schule und nahm zeitweise Koran-Unterricht bei Mustafa Ceric, dem heutigen Großmufti von Bosnien. Aber ihr Entschluss, muslimische Theologie zu studieren, hat auch mit dem Zusammenbruch Jugoslawiens zu tun. „Es war eine Übergangszeit. Wir haben alle versucht zu verstehen, wie es zu dem Krieg kommen konnte, welche Identität wir haben, wer wir sind.“ Also studierte Demiri in Istanbul Islamische Theologie.

Ihre Themen suchte sie schon immer zwischen den Religionen: Die Magisterarbeit schrieb sie über die heiligen Schriften von Judentum und Christentum im Lichte des Qu’an. Danach wollte die neugierige Wissenschaftlerin und gläubige Muslimin das Christentum aus erster Hand kennenlernen und ging mit einem Stipendium des Vatikan nach Rom – wo sie drei Jahre blieb. An der Päpstlichen Gregorianischen Universität waren sie nur drei Muslime, was von den zumeist ebenfalls ausländischen christlichen Kommilitonen kaum einer bemerkte. „Ich wurde mit meinem Kopftuch oft für eine Nonne gehalten“, erinnert sich Demiri lachend. Die ersten sechs Monate hat sie tatsächlich in einem Nonnenkloster gelebt, anschließend in einem Zentrum für katholische Studenten: „Ich wollte ja nicht nur Texte studieren, sondern verstehen, wie Christen ihren Glauben leben.“

Kein Wunder, dass Demiri Spezialistin für den interreligiösen Dialog wurde. Ihre Doktorarbeit widmete sie einem mittelalterlichen Bibelkommentar des muslimischen Theologen Najm al-Din al-Tufi. Dass es die theologische Auseinandersetzung zwischen den Religionen bereits damals gab, „vielleicht in polemischerer Form als heute, aber sehr ernsthaft“, fasziniert sie. Die Regensburger Rede von Papst Benedict XVI., der den byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaiologos zur Rolle der Gewalt im Islam zitierte – was in der islamischen Welt für Proteste sorgte – hat sie elektrisiert. Einen Kommentar will die Wissenschaftlerin dazu dennoch nicht abgeben. Schließlich befindet sie sich mit ihrer Arbeit auf einem heiklen politischen Minenfeld. Gleichwohl gab sie den offenen Brief islamischer Gelehrter an ihre christlichen Kollegen von 2007 heraus, eine Reaktion auf die Kontroverse.

Wegen ihrer jugoslawischen Herkunft und ihrem Werdegang, der sie durch mehrere westeuropäische Gesellschaften und die muslimisch geprägte Türkei führte, gehört Demiri zu den potentiellen Protagonisten eines Euro-Islams. Nach Deutschland kam die Nachwuchswissenschaftlerin auf Einladung des Berliner Wissenschaftskollegs. Zunächst für das Programm EUME (Europa im Nahen Osten & Der Nahe Osten in Europa), das in das Forum „Transregionale Studien“ integriert wurde und sich als Talentschmiede erweist. Denn auch wenn nun 20 Millionen Euro für Professoren- und Mitarbeiterstellen für die Theologie-Studiengänge zur Verfügung stehen, geeignete Kandidaten müssen erst gefunden werden.

Georges Khalil, der Koordinator des EUME-Programms, begrüßt die Berufung Demiris. „Wir freuen uns natürlich sehr, dass unsere langjährigen Bemühungen, die eigene Forschungsperspektive zu internationalisieren, jetzt auch auf einem so wichtigen Feld wie der Islamischen Theologie Früchte tragen“, sagt er. Im Rahmen des Forum-Programms „Zukunftsphilologie“ forscht Demiri derzeit noch über die Sicht auf andere Religionen im Osmanischen Reich. Ab dem Sommer lehrt Demiri nun in Tübingen, zunächst auf Englisch. Die polyglotte Theologin, die außerdem Türkisch, Osmanisch, Bosnisch, Mazedonisch, Arabisch und Italienisch spricht und schreibt, muss die deutsche Sprache noch lernen. Zur Rolle des Islam in Deutschland wird sie sich bald expliziter äußern können.