Islam und Integration : Deutschland strengt sich an

Miteinander im Dissens: Der Philosoph Rainer Forst über Moscheen in Deutschland, die Kopftuchfrage und die knifflige Kunst, Toleranz zu üben. Ein Interview.

Wandel durch Annäherung. Beim Freitagsgebet in der Sehitlikmoschee in Berlin-Neukölln: eine Szene aus dem Jahr 2008 mit Polizeidirektor Gary Menzel und Bekir Yilmaz, dem Präsidenten der Türkischen Gemeinde zu Berlin (re.).
Wandel durch Annäherung. Beim Freitagsgebet in der Sehitlikmoschee in Berlin-Neukölln: eine Szene aus dem Jahr 2008 mit...Foto: Thilo Rückeis

Herr Forst, Sie haben die Geschichte der Toleranz untersucht und herausgefunden, dass Toleranz eine Art Motor des Fortschritts ist. Warum sprechen Sie trotzdem von einem umstrittenen Begriff?

Weil nicht nur umstritten ist, was Toleranz heißt, sondern auch, ob sie etwas Gutes ist. Toleranz gilt sehr oft als eine Form der Gleichgültigkeit – was falsch ist, denn ich kann nur das tolerieren, was ich anders oder falsch oder schlecht finde. Somit bin ich nicht gleichgültig. Die Toleranz kann auch als eine herablassende Haltung gesehen werden, dann wird sie zu Recht kritisiert. Sie ist also nicht in jedem Fall etwas Gutes, sondern nur dann, wenn sie gut begründet wird und kein Zeichen der Herablassung und Stigmatisierung ist. Eine solche Haltung, wie wir sie in klassischen Toleranzedikten finden, nenne ich Erlaubnis-Konzeption.

Die jeweilige Autorität oder Mehrheit gewährt Minderheiten gewisse Freiheiten; die andere Lebens- und Denkweise wird geduldet. Die Toleranzkonzeption, für die Sie plädieren, ist aber etwas anderes.

Wir sollten die historischen Fortschritte solcher Edikte trotzdem nicht kleinreden. Toleranz, ganz grundsätzlich, ist die Haltung einer Person, die bestimmte Überzeugungen oder Praktiken anderer ablehnt und dafür ihre Gründe hat, die aber dennoch das, was sie ablehnt, aus bestimmten anderen Gründen toleriert – ohne dass dadurch die Ablehnung vollkommen überwunden wird.

Bitte ein Beispiel.

Nehmen wir an, jemand ist nicht damit einverstanden, dass in seiner Gesellschaft neben christlichen Kirchen auch repräsentative Moscheen gebaut werden. Diese Person sieht aber ein, dass in einer pluralistischen Gesellschaft gleichberechtigter Bürger ihr Negativurteil nicht ausreichend begründet ist, um solche Moscheen zu verhindern. Auch nicht, wenn man es per Mehrheitsbeschluss könnte. Toleranz heißt dann, sich von dem eigenen Urteil zu distanzieren, ohne es aufzugeben; es bleibt bestehen, aber man sieht stärkere Gründe, weshalb man mit sozialer Differenz leben muss.

Welche Gründe können das sein?

Gerechtigkeitssinn und Fairness. Die Achtung gegenüber anderen. Den Andersdenkenden oder den Minderheiten müssten ja wechselseitig haltbare Gründe dafür genannt werden, dass ihre Religionsfreiheit eingeschränkt werden soll. Die Toleranz als Respekt-Konzeption bedeutet, dass die Achtung gegenüber den anderen als Gleichberechtigten das Motiv für die Toleranz darstellt. Ein Respekt, den ich anderen gerade dann schulde, wenn wir in wichtigen Fragen des individuellen und sozialen Lebens nicht übereinstimmen. Keine Schönwetterveranstaltung also.

Toleranz als das Versprechen, dass ein Miteinander im Dissens möglich ist.

Ja, häufig wird Toleranz so verstanden, als ob durch sie Konflikte überwunden würden. In einem toleranten Zusammenleben werden Differenzen aber nicht verneint oder unterdrückt und auch nicht unbedingt überwunden, sondern man lebt mit ihnen. Weil man gelernt hat, dass es Formen der Kooperation gibt, die unabhängig von diesen Differenzen möglich und gefordert sind.

Ist das ein Hoffnungsaspekt: Dass die anspruchsvolle Toleranz das Produkt eines Lernprozesses ist?

Es ist ganz wichtig, dass bereits Kinder lernen, mit gravierenden Meinungsverschiedenheiten so umzugehen, dass sie einsehen: Der andere denkt in manchen Dingen ganz anders als ich, aber ich kann es trotzdem schaffen, mich zu ihm kooperativ zu verhalten. Gerade Differenzen machen es manchmal interessant, mit anderen zu reden und zu leben. Das ist dann häufig schon mehr als Toleranz, eben positives Interesse am anderen. Ich verstehe mein Toleranzmodell dialogisch. Es muss zunächst eine Verständigung darüber stattfinden, welche Überzeugungen die anderen haben, was aus meiner Sicht daran falsch ist und ob wir eine gemeinsame Basis der Toleranz haben. Ich muss darauf vertrauen können, dass unsere Differenzen nicht zum Zusammenbruch der Kooperation führen.

Ist das nicht der Punkt, an dem das philosophische Ideal an der Wirklichkeit scheitert? Nehmen wir das Beispiel der Moschee: Der Islam wird hierzulande ja zur Bewährungsprobe der Toleranz. Wie soll man als Nichtmuslim herausfinden, ob das Toleranzpotenzial dieser Religion zum demokratischen Zusammenleben passt?

Leider ist es die Folge einer langen, unseligen Geschichte, dass wir dazu neigen, pauschal nach der Vertrauenswürdigkeit von Religionen oder religiösen Minderheiten zu fragen. Aber es gibt viele Spielarten des Islam, so wie es viele Spielarten des Christentums gab und gibt. Einige davon bestreiten bestimmte rechtsstaatliche Prinzipien; man denke nur an den Respekt gegenüber Homosexuellen. Wir müssen aber von solchen Pauschalverurteilungen wegkommen und nicht ständig den „Kampf der Kulturen“ in den Köpfen reproduzieren, sondern eher mit offenen Augen durch unsere heutigen Städte laufen, in denen die allgemeine Frage, ob Menschen unterschiedlicher Religion zusammenleben können, ebenso absurd wirkt wie die Annahme, darin stecke kein Problem.

Hier drängt sich die Frage auf, ob die idealen Wege des Dialogs und der Erziehung nicht möglicherweise zu lange dauern. Kann man Toleranz als Respekt gegebenenfalls einfordern?

Grundsätzlich sollte gelebter Respekt und die Akzeptanz des Fairnessgebots Grundlage des sozialen Zusammenlebens sein. Das muss von Minderheiten ebenso wie von Mehrheiten verlangt werden. Toleranz ist zwar als Tugend nicht über Gesetze erzwingbar, aber sie ist forderbar. Von denen, die Moscheen oder Minarette bekämpfen, ebenso wie von denen, die Frauen oder Mädchen in Rollen zwingen, die ihnen grundlegende Freiheiten nehmen. Auch Minderheiten produzieren nicht selten Minderheiten oder Gruppen zweiter Klasse, dort gilt dasselbe Toleranzgebot.

Schon Anfang der neunziger Jahre haben sich aufgeklärte türkische Frauen strikt geweigert, über das Kopftuch noch länger zu reden. Aber das Thema steht immer wieder auf der Agenda, wie zuletzt durch das Buch von Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“.

Auf Leute, die über die Reproduktion von „Kopftuchmädchen“ reden und soziobiologische Untergangsszenarien konstruieren, will ich lieber nicht eingehen, wohl aber auf das Kopftuch. Ich verstehe die Kritik an den patriarchalen Praktiken; viele meinen, das Kopftuch symbolisiere sie. Aber nach allem, was wir wissen, lässt sich dieses Symbol nicht so einfach auf einen repressiven Gehalt reduzieren. Und selbst wenn wir dazu berechtigt wären, müsste man fragen, ob ein Verbot das rechte Mittel wäre, sozusagen Emanzipation durch Kleidungspolizei.

Sie sind gegen solche Verbote?

Wollen wir in einer Gesellschaft mit solchem Kleidungszwang leben? Haben wir überlegt, welchen Druck das auf die betroffenen Mädchen und Frauen ausüben würde? Sie stünden unter einem doppelten Zwang: Die Mehrheitsgesellschaft machte ihnen klar, dass sie „anders“ sind und sich „anpassen“ müssen, zu Hause würden sie als fremdbestimmt womöglich noch stärker beobachtet. Wir sollten ein wenig einfallsreicher sein, wenn wir die Frauen stärken wollen.

Zur Islamphobie in Europa kommen mit der Gewalt gegen Kopten neue Spannungen zwischen Muslimen und Christen: Was sagen Sie, wenn Sie den Blick auf die Gegenwart richten?

Von einer Erfolgsgeschichte, in der die Menschen gelernt haben, immer toleranter zu sein, können wir nicht sprechen. Aber Deutschland befindet sich in einem Prozess der Wandlung zu einer multikulturellen Gesellschaft und macht alle Konflikte durch, die dazugehören. Ob dieser Wandlungsprozess glücklich ausgeht, können wir noch nicht wissen. Wenn ein Buch wie das von Sarrazin sich so gut verkauft, stimmt einen das sorgenvoll.

Das Gespräch führte Angelika Brauer.

Rainer Forst, geboren 1964, lehrt politische Theorie und Philosophie an der Uni Frankfurt. In seinen Büchern befasst er sich vor allem mit Konzepten der Gerechtigkeit und der Toleranz

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