Islam : Zivilisation des Glaubens

Was bedeutet es, Muslim zu sein? In "Terra Islamica" berichtet der britische Journalist Aatish Taseers von seiner Reise durch die islamischen Länder.

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Religion hält die Gesellschaft nieder. Junge Iraner bei einem Graffiti-Festival in Teheran. -Foto: AFP

Als der britische Journalist Aatish Taseer im Sommer 2005 einen Artikel über die Attentäter der Terroranschläge in London veröffentlicht, bekommt er einen Brief von seinem pakistanischen Vater, dem Gouverneur des Punjab, Salmaan Taseer. Dieser wirft dem Sohn vor, „gehässige antimuslimische Propaganda“ zu betreiben und nicht einmal „oberflächliche Kenntnis des pakistanischen Ethos“ zu haben. Taseer ist verwundert: Sein Vater ist kein gläubiger Muslim – er fastet und betet nicht, er trinkt Alkohol – und sieht als Politiker im Islam vor allem ein Mittel zum Zweck. Doch fragt sich der junge Taseer, was er eigentlich vom Islam weiß, was es bedeutet, ein Muslim zu sein: „Ich würde niemals fähig sein zu begreifen, wie der Islam an die Stelle einer nationalen Identität treten konnte. Meine persönliche Erfahrung mit dem Islam war eine große Leerstelle. Und trotzdem war ich irgendwie doch ein Muslim.“

Aatish Taseer beschließt eine „islamische Reise“ zu machen. Er begibt sich auf die Suche: nach den Wurzeln des Islams, nach den Motivationen und Lebensverhältnissen insbesondere gläubiger Muslime. Aber auch auf die Suche nach seinem Vater, den er erst als junger Erwachsener kennengelernt hat. Sein Buch „Terra Islamica“, das laut Verlag 2009 wochenlang die indischen Bestsellerlisten anführte, ist das Resultat dieser Suche, eine Mischung aus Biografie, Reisereportage und politischer Analyse. Taseer erzählt, wie er von Istanbul, seiner ersten Station, nach Syrien und in den Iran reist. Wie er einen Abstecher nach Mekka macht, wo er zur Großen Moschee pilgert, und wie er schließlich Pakistan kennenlernt und bei seinem Vater zu Besuch ist. Zwischen den Berichten über seine Gespräche und Erlebnisse schildert er in kurzen Kapiteln Kindheit und Jugend in Delhi und die komplizierte indisch-pakistanische Geschichte seiner Eltern und Großeltern.

1980 in Delhi geboren, ist Taseer das Kind einer unehelichen Verbindung. Die Eltern lernen sich im März 1980 Delhi kennen. Dort stellt Salmaan Taseer ein Buch über seinen politischen Mentor, den pakistanischen Politiker Zulfikar Ali Bhutto vor, und wird von einer jungen Journalistin interviewt. Beide verlieben sich, sie wird sofort schwanger, er aber kehrt nach Pakistan zurück, zu seiner Frau und drei Kindern. Eine intensivere Liaison kommt nicht infrage, auch weil es Salmaan Taseers politischer Karriere in Pakistan schadet: Immer wieder halten ihm politische Gegner später die Geburtsurkunde seines in Indien geborenen Kindes vor.

Aatish Taseer wächst bei der Mutter und den indischen Großeltern auf, wird nicht religiös erzogen, hat aber immer das – wenn auch schwache – Gefühl, ein Muslim zu sein: Auf dem Subkontinent wird die religiöse Zugehörigkeit durch den Vater vererbt. Und jener fühlt sich unbedingt dem muslimischen Kulturkreis zugehörig. Am Ende dieses lesenswerten, stellenweise faszinierenden Buches, nach einer hanebüchenen Provokation, bei der es um die Dimension des Holocausts geht, rechnet der Sohn mit der religiösen Identität des Vaters ab. Er urteilt, dass dieser nur dehalb Muslim sei, „weil er den Holocaust anzweifelte, Amerika und Israel hasste, die Hindus für schwach und feige hielt und sich an der ruhmreichen islamischen Vergangenheit berauschte.“

Aatish Taseer kommt auf seiner Reise dem Islam näher, er wird ihm verständlicher, auch seine „tiefe Verbundenheit mit diesem Land Pakistan hatte sich gefestigt“. Zugleich macht er aber nie einen Hehl aus seiner Befremdung über die Widersprüche, in denen gläubige wie nicht gläubige Muslime gefangen sind, über ihre mitunter verqueren Ansichten zum Zustand der Welt im Allgemeinen und dem Islam im Besonderen.

In der Türkei erklärt ihm ein junger Mann, der Arabisch und Islamische Theologie studiert, Muslim zu sein bedeute, über der Geschichte zu stehen. Der Westen wolle der übrigen Welt seinen Lebensstil aufzwingen, das „Weltsystem“, wie der junge Mann den Westen auch nennt, den Islam bekämpfen und seines Inhalts berauben. Taseer schlussfolgert: „So ungefähr konnte man auch argumentieren, wenn man überhaupt nicht religiös war. Dieses Gefühl der Kränkung konnte auch jemand empfinden, dessen Volk von einer fremden Besatzungsmacht beherrscht wurde.“

In Syrien erlebt Taseer, wie die islamische Welt auf die zur selben Zeit veröffentlichten dänischen Mohammed-Karikaturen reagiert. Als eine wie gerufene Kränkung empfindet er das: „Hätte es keine Karikaturen gegeben, man hätte sie erfinden müssen.“ Und in Teheran sieht er eine „Tyrannei der Belanglosigkeiten“ am Werk. Hier feiert er illegale Parties, hier erlebt er, wie viele junge, nicht religiöse Menschen durch ein „islamisches Sieb“ gedrückt werden und in allen Lebensbereichen schikaniert werden. Er gerät schließlich selbst in die Fänge der Disziplinarwächter der Islamischen Republik und muss schleunigst ausreisen. Im Iran sieht Taseer, wie „die Vision einer islamischen Totalität im Rahmen einer modernen Gesellschaft an Wirklichkeit gewann. (…) Um in einer komplexen Gesellschaft ihre Macht zu behaupten, musste die Religion die intelligenten und oppositionellen gesellschaftlichen Kräfte mit kleinlichen Beschränkungen niederhalten.“

Pakistan erscheint dagegen fast als Hort der Freiheit. Wiewohl auch hier der Befund Taseers ernüchternd ausfällt: ein zutiefst feudalistisch geprägtes Land, dem nach der Gründung 1947, der Loslösung von Indien, die Mittelschicht abhandengekommen ist. In dem Willkür und Korruption herrschen, in dem eine herrschende Elite das Land nie als eine Nation, sondern als private Aktiengesellschaft betrachtet. Am Ende erzählt ihm ein pakistanischer islamischer Ideologe von der „Zivilisation des Glaubens“, der der Islam sei, von seiner tausend Jahre alten Kultur. Und Taseer ist irritiert und fragt sich, wessen es bedarf, um an eine solche Geschichte inbrünstig zu glauben? Eine Antwort findet er nicht. Stattdessen singt er, auch im Hinblick auf den Vater, das hohe Lied auf seine indisch-pakistanische Herkunft, auf die ihm in Indien vererbte „geistige Troika aus Sanskrit, Urdu und Englisch“, auf die Mischformen, die die Welt bereichern. Dem politischen Islamismus steht Aatish Taseer nach dem Ende seiner Reise skeptischer gegenüber als zu Beginn – mit seiner eigenen Geschichte aber hat er Frieden geschlossen.

– Aatish Taseer:

Terra Islamica.

Auf der Suche nach der Welt meines Vaters. Aus dem Englischen von Rita Seuß. Verlag C. H. Beck, München 2010.

364 Seiten, 24,95 €.

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