Islamischer Bildersturm : "Alles, was wir zerbrechen sind Steine"

Die Tempel von Palmyra sind nur die jüngsten kulturhistorisch bedeutenden Stätten, die Islamisten zerstört haben. Die Buddhas im afghanischen Bamiyan sind der Präzedenzfall. Der Religionswissenschaftler Jamal J. Elias, erklärt, welche innere Logik hinter diesem Bildersturm steht.

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Der Baal-Tempel in voller Schönheit, Ende August wurde er vom IS gesprengt, wie schon zuvor der Tempel Baal-Shamin.
Der Baal-Tempel in voller Schönheit, Ende August wurde er vom IS gesprengt, wie schon zuvor der Tempel Baal-Shamin.Foto: Rolf Brockschmidt

Noch im Mai, kurz nachdem der Islamische Staat Palmyra erobert hatte, beschwichtigte der vor Ort befehlshabende Emir die Öffentlichkeit, dass niemand daran denke, die antiken Schätze der syrischen Wüstenstadt zu zerstören. Das Versprechen war von kurzer Dauer. Am 23. August sprengten die Dschihadisten des IS den Baalshamin-Tempel. Sieben Tage später war der sehr viel größere Baal-Tempel an der Reihe. Der Tag, an dem das gesamte, seit 1980 zum Unesco-Weltkulturerbe gehörende Ruinen-Areal in Schutt und Asche liegt, scheint nicht mehr fern zu sein. Als vorläufiger Höhepunkt der IS-Kunstverwüstungen ist Palmyra jetzt schon in die Geschichte eingegangen.

Das Paradigma dieses modernen Bildersturms im Namen Allahs ist jedoch die Zerstörung der beiden Buddha-Statuen im afghanischen Bamiyan durch Taliban-Milizen im Frühjahr 2001. Ihnen gilt ein scharfsinniger Aufsatz des amerikanischen Religionshistorikers Jamal J. Elias in der „Zeitschrift für Ideengeschichte“ (Herbst 2015, 14 €, www.z-i-g.de), der sich dem Schwerpunkt „Schändung“ widmet. Sein Essay ist ein Lehrstück über die Fallstricke kultureller Differenz. „Götzendämmerung“ zeigt, dass das, was dem Westen bis heute als blindwütiger Vandalismus erscheint, einer inneren Logik gehorchte, innerhalb derer sich Mullah Omar, der Anführer der Taliban, sogar auf die Vernunft der Muslime berufen konnte. Diese sowohl auf Grundsätzlichem wie auf Zufälligem beruhende Logik lässt sich gewiss nicht einfach auf die Aktionen des IS übertragen, vermittelt aber eine Ahnung von der aktuellen Gemengelage.

Altes zerstören um Neues zu schaffen

„Seid ihr lieber Götzenzerstörer oder Götzenverkäufer“, fragte der Mullah damals seine Anhänger und verteidigte sich gegenüber der Welt mit den Worten: „Wir verstehen nicht, warum alle so besorgt sind … alles was wir zerbrechen, sind Steine.“ Elias rückt die Ereignisse in einen doppelten Zusammenhang. Zum einen erklärt er, dass die am 26. Februar 2011 angeordnete und am 2. März begonnene Zerstörung der Buddhas „in eine der heiligsten Perioden des islamischen Mondkalenders“ fiel. „Die Wallfahrt nach Mekka, das zentrale Ritual des Haddsch, das am Eid-al-Adha endet, dem heiligsten Tag des muslimischen Jahres, fand in diesem Jahr vom 3. bis 6.März statt.“ Das Opferfest, währenddessen der Abriss unterbrochen wurde, gilt dem Andenken Abrahams, der sich Gottes als würdig erwies, indem er bereit war, seinen Sohn zu opfern. Zugleich lehnte er sich damit gegen den Polytheismus Azars auf, der im Koran als eine Art Vater des Propheten gezeichnet wird.

Zum anderen weist Elias nach, dass der muslimische Diskurs, wie er sich in der pakistanischen Urdu-Presse abspielte, im Westen ignoriert wurde, weil der sich ganz auf die englischsprachigen Zeitungen verließ. Man hätte etwa lesen können, dass das ausgerechnet während des Haddsch vom New Yorker Metropolitan Museum ausgesprochene Angebot, alle beweglichen Altertümer anzukaufen, als besondere Unverschämtheit aufgefasst wurde. Der Blick nach Pakistan wäre nicht nur hilfreich gewesen, weil in Afghanistan keine nennenswerte Presse existierte. Er hätte sich auch empfohlen, weil die meisten Taliban-Führer dort an religiösen, von sunnitischen Deobandis geleiteten Seminaren ausgebildet und politisiert worden waren. Die Fixierung aufs Englische hat sich dabei nicht zum ersten Mal als fatal erwiesen. Elias erwähnt eine Studie des New Yorker Kommunikationswissenschaftlers Arvind Rajagopa, die belegt, „wie englischsprachige Medien den Aufstieg des hinduistischen Nationalismus während der späten 1980er und der 1990er Jahre verschliefen.“

Der Ikonoklasmus der Jahrtausendwende überlebt, wie Elias schreibt, in den protzigen Abraj Al Bait Towers im saudi-arabischen Mekka: „Objekte aus der Vergangenheit, ob für die einen von religiöser Bedeutung oder für die anderen Teil des kulturellen Erbes, gelten nichts im Vergleich mit den ineinandergreifenden Werten, die der Modernisierung und der Verbesserung der religiösen Praktiken der globalen muslimischen Gemeinschaft innewohnen.“ Das ist die Botschaft eines nur begrenzt archaischen Denkens, das Altes zerstört, um Neues zu schaffen.

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