Islamkritiker und die Anschläge von Norwegen : Wohin mit dem Hass?

27.07.2011 13:39 UhrVon Johannes Schneider
  • Die rechtspopulistische Partei "Pro Deutschland" rief zu einer Mahnwache vor der Norwegischen Botschaft auf. - Foto: Paul Zinken
  • Es kamen jedoch mehr Gegner als Anhänger. - Foto: Paul Zinken
  • Das Berliner Bündnis "Rechtspopulismus stoppen" hatte zu Protesten gegen die ultrarechte Vereinigung aufgerufen. - Foto: Paul Zinken

Im Internet bestreiten Islamkritiker einen Zusammenhang zu den Attentaten in Norwegen. Doch ihre Rhetorik ist verräterisch. Was die Neue Rechte im Netz indes vermissen lässt, ist die Fähigkeit zur Selbstkritik.

Es dauerte nicht lange, da kursierten im Netz wieder die alten Witze, die man noch kennt, aus der Zeit nach Winnenden, nach Columbine, nach Erfurt. „Der Attentäter hat Brot gegessen – verbietet das Brot!“ Mit solchen Sprüchen wurde versucht, die Suche nach den Hintergründen der Tat Anders Breiviks lächerlich zu machen, noch ehe Politiker populistische Forderungen ableiten konnten. Letztere verzichteten dann auch größtenteils auf die üblichen Verbotsvorstöße. Der Kurzschluss „Killerspiele + Heavy Metal + Sportschütze = Amok“ kam in der Aufbereitung der Ereignisse dankenswert selten vor, wohl auch, weil die Personalie Breivik unterkomplexes Räsonieren über die Ursachen der Tat kaum zulässt: Breivik lebt, er tötete nicht in seinem unmittelbaren Umfeld, und er hat einen intellektuellen Hintergrund, der lineare Ableitungen von seinen Interessen auf die Tat schwierig macht.

Wer möchte schon behaupten, dass die Marx-Lektüre in direktem Zusammenhang mit vorgeblich anti-marxistisch motivierten Mordtaten steht?

Was aber noch schwerer wiegt: Breivik hat eine weltanschauliche Agenda. Wie die nun auf die Taten zu beziehen ist, darüber herrscht – zumindest in der deutschen Öffentlichkeit – eine wohltuende Uneinigkeit. Es gibt die, die die Schuld für den Anschlag des Rechtsterroristen bei den Rechtspopulisten sehen. Und es gibt die, die genau das ablehnen. Vordergründig zu Recht, gibt sich die paneuropäische Neue Rechte doch gern gewaltlos und verfasssungstreu. Nach dem Anschlag von Freitag distanzierten sich die einschlägigen Anti-Islamisten im Netz demonstrativ. Dem Eindruck, man sympathisiere mit Breivik oder empfinde gar „klammheimliche Freude“ über seine Taten, wurde vehement entgegengewirkt. „Aufs Schärfste“ verurteilte die Partei Die Freiheit die Anschläge, das Bündnis Pro Deutschland rief zu einer Mahnwache vor den Nordischen Botschaften in Berlin auf. Auch die Webseite Politically Incorrect (PI) nannte die Tat „abscheulich“, den Täter „offensichtlich geistesgestört“.

Die Rechtspopulisten als entrüsteter Gegenpol zum Rechtsterroristen? Auf den zweiten Blick wird dieses Bild schnell wieder brüchig. So fand die Abneigung gegenüber dem politischen Islam, die die Islamkritiker zweifellos mit Breivik teilen, völlig unpassenderweise Eingang in ihre Traueradressen. Die Freiheit etwa beließ es nicht dabei, „unsere freiheitlich-demokratische Rechtsordnung und damit unsere Lebensart zusammen mit unseren europäischen Partnern gegen jede Gefahr vom rechten und vom linken Rand“ verteidigen zu wollen; natürlich war hier auch gleich von „anderen menschenfeindlichen Ideologien wie dem Islamismus“ die Rede. „Christen und Konservativen ist jener Hass fremd, der islamistische Attentäter ebenso antreibt wie fanatisierte Einzelgänger a la McVeigh und Breivik“, hielt Pro Deutschland am Ende seiner Stellungnahme fest. Hier der christlich-konservative Mainstream, dort der Hass von Islamisten und sonstigen Perversen – die Parallelen zum Weltbild in Anders Breiviks Manifest sind eklatant. Noch in der Beileidsbekundung für die Opfer reproduzierte Pro Deutschland – bewusst oder unbewusst – die Rhetorik des Täters.

Die Neue Rechte als Nährboden von Breiviks Weltbild. Lesen Sie weiter auf Seite 2.

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