Kultur : Isolde in der Unterwelt

Schwarz in schwarz: Luk Perceval gibt in Stuttgart sein Debüt als Opernregisseur – und stürzt über Wagners „Tristan“

Christine Lemke–Matwey

Diese Düsternis. Ein Firmament aus Ruß und Kohlenstaub, das Innere eines Schiffsbugs wie in glitzerndes Pech getaucht, Wasser wie Tinte so ölig, Irland, sternenblind, Menschen, die in Sack und Asche gehen (so sie sich überhaupt bewegen), alles schwarz in schwarz in schwarz. Alles hier längst gewesen, gestorben, untot. Wagners „Tristan“ als Nachtstück, radikal, nein: radikal pauschal beim Wort genommen. Isolde in der Unterwelt.

Und, ach, diese lange Weile, diese Langeweile. Am allerschlimmsten, natur- wie stückgemäß, zu Beginn des ersten und dritten Aktes, beim Warten auf das vermeintlich Eigentliche, auf die Liebenden und darauf, dass die Fatalität ihrer „Handlung“ aneinander sich schürze, vollziehe, löse. Seemanslieder also und Schalmeienklang oben auf der Bühne – allgemeines Gähnen, Hüsteln und Rascheln unten im Saal. Spätestens wenn Brangäne sich oben dann zum zweiten oder dritten Mal wieder hingelegt hat – zu Tode erschöpft vom Leben und Wissen, von mythisch-mütterlichen Zaubertränken –, oder wenn Tristan sich, noch ohne seinerseits tot zu sein, eine geschlagene dreiviertel Stunde lang überhaupt nicht rührt, einfach nur in embryonaler Seitenlage verharrt, spätestens dann werden auch unten reihenweise gepflegte schwäbische Nickerchen gehalten. Diese Müdigkeit. Wer nach zehn oder 20 Minuten seine Augen wieder aufschlägt, stellt allerdings beruhigt fest, dass sich nichts, aber auch gar nichts verändert hat. Wagners „Tristan“ als Klang gewordene Geschichte seiner Echtzeit, als dumpf und zäh sich räkelndes Kunst-Kontinuum. Dennoch viel Jubel am Ende (nicht umsonst galt die Staatsoper Stuttgart eingefleischten Wagnerianern einst als „Winter-Bayreuth“). Beim eigenen Leben merkt man schließlich auch nicht, dass und wie es vergeht. Und fühlt sich nicht letztlich jeder „Tristan“ so an, ein bisschen nach allem und nichts, nach größtmögglicher Tiefe und seichtester Oberfläche, nach Kitsch und Bekenntnis?

Kurz und gut: Dieser Abend ist eine Zumutung, ein jämmerliches Missverständnis und im Grunde komplett unmöglich. Es ist unmöglich, dass Klaus Zehelein mit Luk Perceval – einem aufflackernden Trend gehorchend – einen von allen näheren Belangen des Musiktheaters restlos unbeleckten Regisseur verpflichtet. Einen Toren (um bei Wagner zu bleiben und keine Scherze mit Namen zu treiben, von wegen Perceval = Parsifal), der stammelt und staunt und zielsicher die falschen Fragen stellt. Dass man in der Oper gemeinhin so wenig vom gesungenen Text versteht, schien Perceval ein vordringliches Problem zu sein: Flugs zieren videoprojizierte Textlaufbänder die Szene, denen die essentiellen Aussagen des Wagnerschen Librettos zu entnehmen sind, was bisweilen immerhin für Erheiterung sorgt („Wo bin ich?“ / „Hört Ihr uns nicht?“).

Wagner freilich ging es in den entscheidenden Momenten dieses Stückes um alles andere als um Textverständlichkeit und Bühnenkonversation: Ihm war das Wort, war Sprache stets selbst Klang, Melodie, Musik und als solche viel zu konkret, um in derart platter Weise wörtlich genommen zu werden. Auch dass die Oper zu Ungunsten des „normalen Menschen“ gerne Helden auf der Bühne sieht, überlebensgroße Kraftwerker des Gefühls, exemplarische schöne Seelen, lauter leidenschaftlich sich nackt Machende also, hat den Schauspielregisseur Perceval offenbar ziemlich verstört. Tristan und Isolde jedenfalls fristen an diesem Abend eine denkbar kümmerliche, uninspirierte Randexistenz: In anthrazitgrauer Allerweltsklamotte steckend (Kostüme Ursula Renzenbrink), heben sie sich weder vom Herrenchor ab noch von Kurwenal (Wolfgang Schöne), Melot (Heinz Göhrig), Hirt, Steuermann und Seemann. Ein Paar wie viele andere? Die programmatische Gesichtslosigkeit zweier Todesboten? Und warum um alles in der Welt frieren sie dann zur Liebesnacht im zweiten Akt Hand in Hand wie Brüderlein und Schwesterlein nebeneinander fest, traurig, regungslos und sichtlich in die Jahre gekommen? Weil Theater immer nur im Kopf stattfindet – und Liebe auch? Weil dieser ganze „Tristan“ eine einzige Phantasmagorie ist, und Wagners unerfüllte Leidenschaft zu Mathilde Wesendonck sich hier in bleiernen Kunst-Schwulst ergießt? Überhaupt: Begehren statt Liebe, Kunst statt Leben – und hoch lebe der Geniekult des 19. Jahrhunderts?

Dass man wenig Lust verspürt, diese Lesart wirklich zu ergründen, hat zum einen damit zu tun, dass der theatrale Erlebnisfaktor der Aufführung gen null tendiert. Fünf Stunden nachtrabenschwarze Tableaux (Bühne Annette Kurz), fünf Stunden esoterisches Recken einzelner Gliedmaßen und/oder halbprivates, gestaltloses Schlurfen von einem Bühnenende zum anderen – das steigert die Neugier nicht eben ins Unermessliche. Zum anderen aber will diese Lesart gar keine Lesart sein, sondern und hybriderweise viel mehr, nämlich als Lösung für dieses Stück „reell“, „authentisch“, ja „universell“. So steht‘s, peinlich genug, im Programmheft. Das Werk, sagt Perceval, wird gleichsam vor unseren Augen und Ohren in seiner ganzen paradiesisch-höllischen Unschuld geboren, es will nichts sein außer es selbst und also kann es auch nur so sein, wie es ist. Rampenstehen, -knien, -ringen in geschmäcklerischem Bühnenschwarzlicht, Chargieren nach Herzenslust als lang verschüttete, neu erfühlte Urgestalt des „Tristan“? In dieser wiederum, so behauptet die Aufführung, rückten Brangäne und König Marke als die Überlebenden ins Zentrum. Die Frau in karminrotem Kleidchen, der Mann im beigen Sommeranzug. Zwei zufällige Farbkleckse, zwei hypnotisierte Salzsäulen. Musiktheater semi-konzertant und so spannend wie ein Stück Tofu. Opas Oper im neuen alten betulich-ideologischen Gewand. Regie wie aus dem Skizzenbuch. Weniger als ungefähr. Mehr als unverbindlich.

Soll dies nun der entscheidende Schritt über das sozial sich gerierende Regietheater der letzten Zeit sein, über unsere allgegenwärtigen Trash- und Spießerwelten? Dem wäre ein gewichtiges Argument entgegenzuhalten: die Musik. Gewiss: Auch Marthaler feiert die Langsamkeit, auch Heiner Müller entdeckte in seinem „Tristan“ die Leere, und wer zelebriert das Nichts so meisterlich wie Bob Wilson? Sie alle aber machen, wenn es glückt, die Musik bedeutend und groß, öffnen, erobern (Herz)Räume mit ihr. Perceval macht die Musik nur dick, lässt sie abtropfen, ja förmlich gerinnen an der wächsernen Gleichgültigkeit seines Bühnengeschehens.

Insofern fügte es sich besonders ungünstig, dass auch Lothar Zagrosek (noch) keinen tauglichen Zugang zu dieser Partitur gefunden hat. So beherzt und sicher das Stuttgarter Staatsorchester auch aufspielte, so wenig atmete der Abend, und so wenig gelang es Zagrosek aus seiner Allergie gegen jedwedes Rausch-Moment, gegen jeden organischen und seiner Wahrnehmung nach kulinarischen Weichzeichner ein musikalisch freies Konzept zu ziehen. Was man aus dem Graben hörte, waren in erster Linie Taktstriche und Spaltklänge und zwar recht eigenwillige, handgreifliche und laute. Prompt fühlten sich die Sänger zum Forcieren animiert: Gabriel Sadé als indisponiert angesagter, erstaunlich konditionsstarker Tristan, Lisa Gasteen als immens bemühte Isolde, Michaela Schuster als vollmundig klangschöne Brangäne, Attila Jun als auch stimmlich sehr statuarischer Marke. Bemitleidenswerte Unterweltler allesamt, die nichts dürfen und nichts sollen, weil die Regie nichts will. Angeblich.

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