Kultur : Israel: Arafat spielt Schicksal - gegen die Logik

Charles A. Landsmann

Jassir Arafat steht vor zwei schicksalshaften Entscheidungen - und tut so, als ob er dies nicht wüsste. Der Palästinenserpräsident entscheidet den Ausgang der israelischen Wahlen sowie über den Frieden und den eigenen Staat. Die Fakten sind eindeutig: Ehud Barak hat den Palästinensern beim gescheiterten Dreiergipfel von Camp David nicht nur mehr angeboten als jeder andere israelische Regierungschef vor ihm, sondern auch als alle seine eigenen Minister und Abgeordneten von ihm erwartet haben. Und Barak ist letztlich über diese Vorschläge zu Fall gekommen, weil er auch die letzten potentiellen neuen Koalitionspartner damit verscheuchte. Von keinem möglichen Gegenkandidaten Baraks, weder von Benjamin Netanjahu noch erst recht nicht von Ariel Scharon wird Arafat ein auch nur annähernd grosszügigeres Angebot erhalten.

Rätselhafte Taktik

Wahrscheinlich werden beide auf absehbare Zeit gar nicht mit ihm sprechen wollen; Netanjahu nicht, weil er dem Frieden mit Syrien Priorität einräumen dürfte, und Scharon aus prinzipieller Ablehnung der Person Arafats und des gesamten Friedensprozesses. Doch Arafat hat nicht nur Baraks Angebot zurückgewiesen, ja nicht einmal dessen Vorschlag, über dieses zu verhandeln, aufgenommen. Er hat mit der "Al-Aksa-Intifada" Baraks Demission beschleunigt - am Sonntag brüstete er sich sogar, dass er Baraks Sturz verursacht habe. Was der Palästinenserpräsident sich aus dieser Entwicklung verspricht, bleibt rätselhaft. Arafats Leute erinnern daran, dass Netanjahu vor seiner Wahl zum Regierungschef ebenso kompromisslos ablehnend getönt habe wie jetzt, und dass er danach im "erweiterten Hebron-Abkommen" und in demjenigen von Wye als erster Likud-Regierungschef Gebiete von "Erez Israel" geräumt und palästinensischer Herrschaft übergeben habe. Und dies mit Unterstützung von Ariel Scharon - und im Gegensatz zu Barak, der viel Land versprochen und keinen Zentimeter geräumt habe.

Doch die Zeiten und die Taktiken haben sich geändert. Netanjahu und Scharon haben "Oslo" für tot erklärt, werden sich nicht mehr an dessen Vorgaben halten, aber genau dies von den Palästinensern verlangen. Eine apokalyptische Kettenreaktion dürfte die Folge sein: Weil ein rechtsnationalistisch geführtes Israel keine Konzessionen machen wird, werden die Extremisten auf beiden Seiten sich gestärkt fühlen. Die Siedler werden immer provokativer und gewalttätiger agieren, die islamistischen Terroristen mehr denn je versuchen, mit menschenverachtenden Anschlägen ihre Frustration über die Lage, ihren Widerstand gegen die Besatzung und ihre Opposition zu Arafats politischer Linie auszudrücken. Darauf wird eine Likud-Regierung mit Repressalien, einem totalen Verhandlungsstopp und letztlich mit massiver militärischer Gewalt reagieren.

Gegen Teilung Jerusalems sind alle

Arafat mag mit Baraks Vorschlag zur Lösung des Jerusalem-Problemes nicht einverstanden gewesen sein und auch dessen zusätzliches Verhandlungsangebot als unzureichend betrachten. Doch vom israelischen Standpunkt aus tönt es schon jetzt wählerwirksam "Barak teilt Jerusalem" im Wissen, dass selbst nichtreligiöse, friedensliebende und konzessionsbereite Bürger sich in ihrem Innersten mit einer Teilung der Heiligen Stadt, der eigenen Hauptstadt, schwer tun.

Das Gleiche gilt für die palästinensische Flüchtlingsfrage. Kein Israeli ist bereit, die Flüchtlingsmassen von 1948 wieder an ihre Ursprungsorte zurückkehren zu lassen, da dies einem nationalen Selbstmord gleichkäme. Barak hat aber trotzdem in Camp David die etappenweise Rückkehr Zehntausender im Rahmen von Familienzusammenführungen vorgeschlagen - für Netanjahu und Scharon ein Verrat an der zionistischen Ideologie.

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