Kultur : Israel auf dem Rückzug

Abschied von der Politik: Drei persönliche Blicke auf das Land heute

Igal Avidan

Jörg Bremer berichtete 18 Jahre lang aus Israel und den Palästinensergebieten – eine lange Zeit, die ihm einen       nachhaltigen Blick auf die politischen Entwicklungen ermöglichte. Um dieses Kapitel in seinem Leben abzuschließen, schrieb er das Buch „Unheiliger Krieg im Heiligen Land“. Darin schildert er seine persönlichen Erfahrungen als Korrespondent der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ in Jerusalem, seine Rettung bei einem Feuergefecht und wie seine Familie bei einem Terroranschlag knapp entkam. Aus Bremers unspektakulären Begegnungen mit sieben israelischen Ministerpräsidenten lässt sich ein wichtiger Satz Jitzak Rabins filtern: Rabin erklärt darin seine Eile beim Friedensprozess mit den Palästinensern mit seiner Angst vor dem Erstarken der Islamisten, die dabei waren, einen politischen Konflikt in einen religiösen zu verwandeln. Weil er Rabins Politik verteidigte, wurde Bremer von seinem ersten israelischen Freund und Israels ehemaligem UN-Botschafter, Professor Yehuda Blum, als Feind Israels abgestempelt. Der politische Streit zerstörte die Freundschaft.

Neben Bremers detaillierten Berichten über die Not und den Exodus der palästinensischen Christen sind seine klaren und differenzierten Beobachtungen hervorzuheben, die bisweilen in der Tagespresse untergingen. Die Mehrheit der Israelis scheint sich von der Politik verabschiedet zu haben, stellt er in Bezug auf den Friedensprozess fest. Denn während Rabin und Peres versuchten, Hoffnung zu verbreiten, schüre Netanjahu lediglich Ängste und treibe Israel in die Isolation. Baraks amateurhafte Verhandlungstaktik sei für das Scheitern der Verhandlungen genauso verantwortlich gewesen wie die Haltung Arafats. Die israelische Besatzung macht die Palästinenser zu Gefangenen im eigenen Land und zerreißt die Armee, vermerkt Bremer und stellt darüber hinaus beunruhigende Fragen: Könnten die israelischen Soldaten im Fall eines Rückzugs aus dem Westjordanland überhaupt noch widerspenstige Siedler evakuieren? Oder droht dann ein Bürgerkrieg? Werden die Siedler, „allen voran Außenminister Lieberman“, die Zwei-Staaten-Lösung endgültig zerstören? Bremers Warnung als Freund Israels bleibt haften: Die eigentliche Gefahr für Israels Zukunft liege in Israels Unfähigkeit, beherzte Schritte in Richtung Frieden zu gehen.

Der 31-jährige Journalist Markus Flohr schreibt keine profunde politische Analyse, sondern beschreibt humorvoll, kurzweilig und dank der vielen Dialoge sehr lebendig seine Erfahrungen als deutscher Student in Jerusalem. Im Mittelpunkt stehen seine Freundschaft mit einem deutschen Zivildienstleistenden und die Liebesaffäre mit der Israelin Noa. Offen und neugierig gerät er in dramatische Situationen, die viel über den Alltag junger Israelis verraten, deren Deutschlandbild, regen Alkohol- und Weichdrogenkonsum eingeschlossen.

Flohrs Ich-Erzähler weiß wenig über die israelische Politik, stellt aber viele Fragen und kommentiert kaum. Der Pastorensohn ringt in seiner „koscheren WG“ mit den religiösen jüdischen Speisevorschriften. Er nimmt uns mit in Kneipen und Cafés in Jerusalem, zu einem alternativen Musikfestival in der Negev-Wüste und in ein verwaistes palästinensisches Dorf, wo junge orthodoxe Religionsschüler nackt baden. Die Kommentare überlässt der Autor seiner Kunststudentin Noa, die Jerusalem als die künftige „Kommandozentrale des orthodoxen Judentums“ sieht. Zu Beginn des Gazakriegs reisen beide in einen grenznahen Kibbuz, wo Flohr die einschlagenden Raketen der Hamas hautnah erlebt und sehr plastisch beschreibt. Er bemerkt aber auch, dass die Lage der Palästinenser in Gaza angesichts der israelischen Vergeltungsangriffe wesentlich schlimmer ist. Auch ein christliches palästinensisches Dorf bereist er – ausgerechnet zum „Oktoberfest“ –, denn hier wird Bier gebraut, deutsches Bier! Eine besonders spannende Reise nach Hebron unternimmt Flohr zusammen mit seinem Freund Friedrich, der dort einen Rabbi aufsucht, dessen Geschäft in Frankfurt Friedrichs Familie 1938 de facto geklaut hatte. Dies ist keine gewöhnliche Begegnung zwischen dem Nachfahren der Täter und dem der Opfer. Denn der Rabbi stellt seine Friedensvision vor, in der die Juden das ganze Land Israel bekommen und der Felsendom aus Jerusalem verschwindet.

Eine 50-jährige Reise in Israel präsentiert der renommierte israelische Fotograf Micha Bar-Am in seinem neuen Bildband „Insight“. Der in Berlin geborene Magnum-Fotograf dokumentiert die dramatische Geschichte seines Landes in solch rührenden, eindringlichen Bildern, die lange im Gedächtnis bleiben. Bar-Am zeigt längst vergessene Facetten Israels, etwa die Gesichter der jüdischen Neueinwanderer, die die Herausgeberin Alexandra Nocke effektiv den Fotos abziehender Palästinenser gegenüberstellt. Oder eine zufällige Begegnung auf der Straße zwischen einer Mutter und ihrem uniformierten Sohn. Bundeskanzler Konrad Adenauer zu Gast im bescheidenen Kibbuz bei Staatsgründer David Ben-Gurion, ein Stand mit Wassermelonen, ein Bauer bei der Olivenernte und ein einsamer Sportler am Strand. Das schönste Israel-Bild zeigt aber Bar-Ams Frau Orna mit dem Kater Jakob – beide in tiefem Schlaf.

Jörg Bremer: Unheiliger Krieg im Heiligen Land. Meine Jahre in Jerusalem. Nicolai Verlag, Berlin 2011. 256 S., 24,90 €.

Markus Flohr: Wo samstags immer Sonntag ist. Ein deutscher Student in Israel. Kindler Verlag, Reinbek 2011. 250 S., 14, 95 €.

Alexandra Nocke (Hrg.): Micha Bar-Am, Insight. Micha Bar-Am’s Israel. Verlag der Buchhandlung König, Köln 2011. 336 S., 29,80 €.

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