Kultur : Israel hat gewählt: Aus der Distanz

Malte Lehming

Noch bevor die letzte Stimme ausgezählt worden war, und noch bevor Ariel Scharon gegen Mitternacht in Tel Aviv vor seine jubelnden Anhänger trat, nahm sich der neue israelische Ministerpräsident Zeit, um etwa fünf Minuten lang mit George W. Bush zu telefonieren, dem neuen amerikanischen Präsidenten. Die beiden kennen sich. Eine seiner wenigen Auslandsreisen hatte Bush 1998 zum ersten Mal in seinem Leben nach Israel geführt. Er war Mitglied in einer Gruppe von US-Gouverneuren, die von der konservativen "National Jewish Coalition" eingeladen worden war und nun durchs Heilige Land kutschiert wurde.



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Scharons Sieg und Israels Regierungschefs





Der israelische Ministerpräsident hieß damals Benjamin Netanjahu, Scharon war dessen Außenminister. Und Scharon tat, was er gerne tut, wenn ausländische Besucher nach Israel kommen: Er steckte Bush in einen Hubschrauber und flog mit ihm über die Golanhöhen und das besetzte West-Jordanland. Der Zweck dieser Flüge ist stets, dem Besucher zu zeigen, wie klein doch die Gebiete zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer sowie zwischen dem Norden Israels und der syrischen Hauptstadt Damaskus sind - und wie berechtigt daher das ausgeprägte israelische Sicherheitsbedürfnis ist. Bush erinnerte in seinem Glückwunsch-Telefonat Scharon an diese Reise. "Wer hätte damals gedacht", wurde Bush von Scharon zitiert, "dass ich einmal Präsident werde und Sie Premierminister?"

Clinton hat gebettelt

Jetzt sind sie es, und es könnte sein, dass Bush und Scharon künftig mehr miteinander zu tun haben werden, als ihnen lieb ist. Das Bush-Lager hat bereits während des US-Wahlkampfes kein Hehl daraus gemacht, dass es die Nahost-Politik von Bill Clinton für falsch hielt. Clinton sei Arafat und Barak hinterhergelaufen, hieß es, weil er seine Präsidentschaft unbedingt mit einem Friedens-Abkommen habe krönen wollen. Clinton habe förmlich um Frieden gebettelt. Das habe dem Amt geschadet und in der Sache nichts gebracht. "Früher war es für jeden Staatsmann eine Ehre, vom US-Präsidenten empfangen zu werden", sagt ein republikanischer Stratege, "seit Clinton glauben Israelis und Palästinenser, sie hätten jede Woche ein Recht darauf."

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Zurückhaltung war deshalb die Devise der neuen US-Administration. Israelis und Palästinenser müssten wieder - wie bei den Geheimgesprächen, die 1993 zu dem Durchbruch in Oslo geführt hatten - aus eigenem Interesse und ohne amerikanische Vermittlung miteinander verhandeln. Außerdem umfasse die amerikanische Nahost-Politik weit mehr als den israelisch-palästinensischen Konflikt. Das Wort "Friedensprozess", schrieb Außenminister Colin Powell vor kurzem an seine Diplomaten, solle im Regelfall durch die vorsichtigeren Begriffe "Friedensverhandlungen" und "Friedensbemühungen" ersetzt werden.

Mit gutem Ruf

Ein zweiter Aspekt der amerikanischen Zurückhaltung ist der Irak. Saddam Hussein ist derzeit auf Werbetour in den palästinensischen Gebieten. Die Familie jedes während der Intifada getöten Palästinensers erhält von seinen Emissären einen Solidaritätsscheck in Höhe von 10 000 Dollar. Andererseits will die Bush-Regierung den Druck auf Bagdad ohnehin wieder erhöhen. Dazu braucht sie die Unterstützung der moderaten arabischen Nachbarstaaten Israels. Die allerdings dürfte ausbleiben, wenn Scharon auf Konfrontationskurs zu den Arabern geht, ohne dass die USA sich davon distanzieren. Für Bush ist die Alternative zu einem Höchstmaß an Zurückhaltung unerfreulich: Schlägt er sich eindeutig auf die Seite Israels, gewinnen die extremen arabischen Kräfte in der Region an Einfluss; ergreift er dagegen Partei für die Palästinenser, gehen die besonderen amerikanisch-israelischen Beziehungen mit Sicherheit den Bach runter.

Ungeachtet dessen hat am Dienstag eine neue Nahost-Runde im Tauziehen um die Sympathien der USA begonnen. Scharon hat in seiner Rede den Anfang gemacht, Arafat wird bald folgen. Denn der Ruf von Bush ist in der arabischen Welt außerordentlich gut. Der Name steht, wegen Vater Bush, für eine fast mystische Macht: die großen Ölfelder in Texas, der "Wüstensturm" gegen den Irak, die CIA, der erfolgreiche Druck auf Israel, an der internationalen Nahost-Friedenskonferenz von Madrid teilzunehmen. Einige Beobachter haben vor der Wahl sogar gemutmaßt, dass sich Arafat von Bush mehr verspreche als von Clinton und er deswegen in Camp David stur geblieben sei. Bislang hat es Bush Junior geschafft, sich in all diesen Fragen bedeckt zu halten. Weder wurde ein neues Nahost-Team wie unter Clinton gebildet, noch Dennis Ross ersetzt, Clintons spezieller Nahost-Gesandter. Offiziell heißt es in Washington: Wir brauchen Zeit, um die Gesamtlage neu zu bewerten, und Scharon braucht Zeit, um eine Regierung zusammenzustellen. Doch im Nahen Osten hält man sich nur selten an Stillhalte-Abkommen. Sollte die zweite Intifada eskalieren - die diesmal, im Unterschied zur ersten Intifada per Satellitenfernsehen in jedes arabische Wohnzimmer übertragen wird -, muss sich Bush früher positionieren, als ihm lieb ist. Vielleicht haben daran die beiden im Hubschrauber auch nicht gedacht: dass es irgendwann ernst wird im neuen Amt.

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