Kultur : Israel hat gewählt: Der Eroberer

Charles A. Landsmann

"Arik König Israels" proklamiert der harte Kern von Ariel Scharons fanatischen Anhängern seit Jahren, allen Zweifeln auch seiner Parteifreunde an seiner persönlichen Integrität und aller weltweiten Kritik an seiner Politik zum Trotz. Nun ist ihr Idol am Ziel angelangt und das mit einem Kantersieg. Und so kannte der Jubel um kurz nach 21 Uhr mitteleuropäischer Zeit auf der Wahlparty des Likud-Chefs keine Grenzen. Zwar wird Scharon nicht zum Monarchen des jüdischen Großreiches biblischer Ausmaße gekrönt werden, aber immerhin zum Ministerpräsidenten des jüdischen Staates Israel.

72 Jahre alt ist er, und diese Wahlen sind weitgehend das Ergebnis von Scharons gerissener Taktik und seiner unbegrenzten Energie. Er allein richtete den nach der Wahlniederlage von Netanjahu darniederliegenden und von diesem im Stich gelassenen Likud wieder auf und die Regierung Barak zu Grunde. Dies indem er geschickt nach jedem echten oder vermeintlichen Verhandlungsfortschritt im Friedensprozess die jeweils rechteste Außensäule der Koalition zum Wegbrechen bewegte, bis das gesamte Regierungsgebäude zusammenbrach.

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Ohne Strategie

Mit erbarmungsloser Liebenswürdigkeit und bärenhaftem Charme hat danach Ariel Scharon einen Wahlkampf geführt, der in erster Linie darin bestand, den "alten Scharon" zu verdrängen, den "neuen Scharon" schweigen zu lassen, den "wahren Scharon" zu verstecken. Der kriegslüsterne Siedlungspatron blieb ungesehen, der gemäßigte Großvater und bodenständige Farmer verlor kein Wort über seine politischen Absichten, der sture Erez-Israel-Ideologe verschwand im großen Schatten des scheinbar verhandlungsbereiten Staatsmannes.

Ariel Scharon besitzt, trotz all seiner Schalom-Beteuerungen zu Beginn des Wahlkampfes, keine wirkliche Friedensstrategie, sondern nur eine für die Sicherheit Israels. Doch dass ein Friedensvertrag auch einen wesentlichen Sicherheitsfaktor darstellen kann, will ihm nicht in den Kopf gehen. Arafat wird sich vermutlich noch wundern und sich nach Barak sehnen, nachdem er diesen mit seinen stetigen Fluchten vor Vertragsunterzeichnungen und der Gewalt der letzten Monate quasi abgeschossen hatte.

Mit Arafat und Scharon treffen zwei begnadete Provokateure aufeinander. Beide warten am Verhandlungstisch nur darauf, dass der andere zuerst mit den Augen zwinkert. Und sie sind bereit, so lange zu warten, bis es für eine politische Lösung zu spät sein wird. Wie verhärtet die Fronten jetzt schon sind, machte die schnelle Reaktion der Palästinenser auf das Wahlergebnis deutlich: Die Position Scharons sei keine Grundlage für weitere Verhandlungen.

Scharon behauptet, dass "die Araber wissen, dass sie mir vertrauen können" und mit ihm verhandeln wollten, weil "mein Wort gilt, mein Ja auch Ja meint, mein Nein Nein bedeutet." Eine unendliche Reihe prominenter Israelis, vom Staatsgründer David Ben-Gurion bis zu mehreren Richtern, befand genau das Gegenteil: Arik, König der Lügner.



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Neuwahlen in Israel





Springt er über seinen Schatten?

Im Wahlkampf mag das noch angehen, wenn man die Lüge nur oft genug wiederholt. Doch als Basis für bilaterale Abkommen und internationale Zusammenarbeit kann dieser ungezähmte Drang zur Unwahrheit nicht dienen. Scharon wird, will er doch in seinem eigenen Land, in der arabischen und der übrigen Welt akzeptiert werden, entweder über seinen eigenen Schatten springen - was ihm kaum jemand zutraut - oder aber sich aus der Verhandlungsfront heraushalten müssen.

Ein Anzeichen für Letzteres sind die Gerüchte, wonach er ausgerechnet Schimon Peres zu seinem Außenminister ernennen will, dessen Osloer Friedenskonzept er vom ersten bis zum letzten Buchstaben falsch findet und schon mehrfach für tot erklärte.

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