Kultur : Israel hat gewählt: Sehr ängstlich, ziemlich wütend, zum Teil gelassen

Andrea Nüsse

Die einen beruhigen, andere heizen an. Die Reaktionen in der arabischen Welt sind gespalten. Wut und Enttäuschung wechseln sich ab mit Ratlosigkeit und Gelassenheit. Gelassen reagierte vorerst die Palästinenserführung. Sie will zunächst abwarten, welche Vorschläge der neue israelische Premier auf den Tisch legt. Der palästinensische Minister für Planung und internationale Zusammenarbeit, Nabil Shaat, erklärte, dass es immerhin möglich sei, dass Scharon den Frieden näher bringe. Auch wenn dies nicht wahrscheinlich sei. Auch Palästinenserpräsident Jassir Arafat hatte am Wahlabend erklärt, er wolle die Verhandlungen fortsetzen, um einen "Frieden der Mutigen" zu erzielen.

Viele Palästinenser stellen sich jedoch eher darauf ein, das Scharon militärisch stärker gegen sie vorgehen wird; denn sie trauen dem provokanten Hardliner alles zu. "Er könnte die autonomen palästinensischen Städte angreifen oder gar einen begrenzten Krieg auslösen", glaubt der Politologe und Parlamentsabgeordnete Ziad Abu Amr aus Gaza. "Mit Scharon ist alles möglich", sagt er dem Tagesspiegel.

Eskalation oder Entspannung

Dennoch tun sich Intellektuelle mit der Analyse schwer. "Wenn er an seinen unnachgiebigen Positionen festhält, wird er nicht lange im Amt sein", spekuliert Abu Amr. Allein schon seinen Schwur, Palästinenserpräsident Jassir Arafat nicht die Hand zu schütteln, werde er nicht durchhalten können, wenn er den Kontakt zu den Palästinensern nicht völlig abbrechen wolle. Der Leiter des Medienzentrums in Ost-Jerusalem, Ghassan Khatib, sieht zwei Szenarien: Entweder kommt es wirklich zu einer Eskalation der Gewalt - oder die Situation wird sich entspannen. "Scharon will keinen Frieden schaffen, aber Sicherheit", sagte er dem Tagesspiegel.

Daher wäre es denkbar, dass er die Straßen in den besetzten Gebieten wieder für Palästinenser öffne, die Abriegelung der Gebiete aufhebe. Dies könnte die Situation entspannen. Die Gewalt auf beiden Seiten sei ja auch vor dem Hintergrund ausgebrochen, dass unter Barak erstmals über eine endgültige Lösung des Konfliktes verhandelt wurde. Da dies unter Scharon kein Thema sei, könnten sich beide Seiten wieder beruhigen, glaubt Khatib. Der Fatah-Führer der Westbank, Barghouti, hatte allerdings bereits angekündigt, die Intifada fortzusetzen.

Während die meisten arabischen Regierungen sich darum bemühen, ihre wütenden Bevölkerungen zu beruhigen, warnen Kommentatoren in den Tageszeitungen offen vor unruhigen Zeiten in der Region. Die syrische und die ägyptische Regierungspresse gehen am weitesten, indem sie Scharons Wahlplattform als "Kriegserklärung" bezeichnen. Gleichzeitig rufen fast alle Kommentatoren die Palästinenser auf, die Intifada fortzusetzen und fordern noch stärkere Unterstützung durch die arabische Welt.

Ohne Einfluss auf das Königreich

Jordaniens Außenminister Abdel Ilah al-Khatib gab sich abwartend. Scharon werde anhand seiner Taten im Hinblick auf die Fortsetzung des Friedensprozesses beurteilt, erklärte er am Mittwoch. König Abdallah hatte sich noch am Dienstag persönlich an seine Landsleute gewandt und versucht, ihre Ängste zu zerstreuen. Der Ausgang der Wahl in Israel werde keinen Einfluss auf die Zukunft des Königreichs haben.

Der ägyptische Präsident Husni Mubarak behielt ebenfalls die Ruhe und sprach sich für eine Fortsetzung der Nahost-Verhandlungen mit Scharon aus. Scharons jüngste Äußerungen seien zwar "nicht ermutigend", Ägypten respektiere aber den Willen der israelischen Wähler. Dagegen interpretierte die ägyptische Regierungszeitung "Al Akhbar" den Sieg Scharons als Zeichen dafür, dass die Israelis "keinen Frieden wollen".

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