„Israel in Egypt“ : Premiere der Potsdamer Winteroper

Die Potsdamer Winteroper zeigt Händels Oratorium „Israel in Egypt“ in der Friedenskirche. Wer die Bibelzitate nicht verfolgen, ist verloren.

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Biblisch geplagt. Countertenor Benno Schachtner in der Potsdamer Friedenskirche.
Biblisch geplagt. Countertenor Benno Schachtner in der Potsdamer Friedenskirche.Foto: Stefan Gloede

Der Ort färbt ab: Seit die Potsdamer Winteroper ihr Asyl in der Friedenskirche bezogen hat, ist ein Trend zu biblischen Stoffen festzustellen. 2013 wurde Händels „Jephta“ aufgeführt, 2015 Scarlattis „Cain und Abel“, jetzt „Israel in Egypt“. Wieder Händel also. Das Werk entstand 1738, nach dem Ende seiner großen Opernphase. Als Musiktheater in London nicht mehr lief, sattelte er, ganz nüchterner Geschäftsmann, um. Und schrieb Oratorien. Was vielleicht genau das Problem dieses Premierenabends ist: Händels Oratorien sind bereits so dramatisch gedacht, so überwältigend bildhaft komponiert, dass man schon eine ziemlich schlüssige Idee braucht, um ihnen noch eine szenische Ebene hinzuzufügen.

Regisseurin Verena Stoiber versucht es, lässt sich von Bühnenbildnerin Susanne Gschwender einen hölzernen Steg ins schummerige Halbdunkel des Kirchenraums bauen, der in seiner Mischung aus Disneyland-Byzantinismus und Heiliger-Geist-Tauben-Kitsch immer wieder verblüfft. Das Volk Israel rückt mit Särgen an, um den Tod Josephs zu beklagen, bald darauf entpuppt sich der ganze Steg als aus solchen Särgen zusammengesetzt. Das Solistenquartett entsteigt ihnen als Untote, die laut Regie überzeitliche Stereotype repräsentieren sollen: Religion, Monarchie, Kirche und Militär. Gemeinsam mit dem Chor – Vocalconsort Berlin und Vokalakademie Potsdam haben sich zusammengetan – wird der Auszug der Israeliten aus Ägypten nicht „gespielt“. Sondern mit einer eigenen Geschichte kommentiert.

Wer die Bibelzitate nicht verfolgen, ist verloren

Die Intention ist klar: Stoiber will eine zweite Denkebene einziehen, der Martialität der alttestamentarischen Texte etwas Kritisches entgegensetzen. Was aber nicht funktioniert, weil die Schere zwischen Szene und Musik extrem weit aufgeht. Weil sich die Eindrücke gegenseitig auslöschen, anstatt sich zu verstärken. Manchmal wird es fast schon zu sinnfällig, etwa wenn die biblischen Plagen und die Tötung der Erstgeborenen besungen werden und ein Solist schubkarrenweise Babypuppen auskippt.

Aber man muss das Oratorium schon ziemlich gut kennen, um zu begreifen, warum während Moses Lobgesang – der den Herrn feiert, weil er die Fluten des Roten Meeres über den Ägyptern hat zusammenschlagen lassen – der Chor in schwarzen Ku-Klux-Klan-Kutten Sopranistin Marie Smolka als Hexe verbrennen will. Der Schlüssel liegt im Vers, wo Gott ein „rechter Kriegsmann“ genannt wird. Religiöser Fanatismus, auch auf israelischer Seite. Wer das nicht anhand der Bibelzitate verfolgen kann, ist hoffnungslos verloren. Kaum ein Besucher hat sich ein Programmheft gekauft.

Großartig die Chöre, eine sichere Bank das Orchester

Wenn wenigstens die Solisten beeindrucken würden. Aber Countertenor Benno Schachtner singt unfokussiert und ohne Präsenz, Tenor Florian Feth flackerig, die Stimme hat keine gute Stütze. Nur Marie Smolka beweist, wie schon 2015 am selben Ort als Abel, ihre Klasse. Und die beiden Chöre leisten angesichts der szenischen Bedingungen Großartiges. Wie auch die üppig besetzte Kammerakademie Potsdam eine sichere Bank ist. Konrad Junghänel am Pult lässt aus Disziplin und Strenge Klangfarben von durchschlagender Wucht entstehen.

Dazu kommen die immer wieder eingestreuten, von Smolka rezitierten Texte der syrischen Lyrikerin Hala Mohammad. Sie bringen eine ergreifend gegenwärtige Note ins biblische Fluchtgeschehen. Mohammad lebt heute in Paris, geboren ist sie in Latakia, jener Hafenstadt, um deretwillen Wladimir Putin gerade Assad den Krieg gewinnen lässt. Vom „eigenen, individuellen Tod, den man uns gestohlen und durch den Tod an sich, durch das Massaker ersetzt hat“ schreibt sie, vom „schwarzen Haar, das verletzt ist vom Blut der Dämmerung“, und davon, dass „nicht einmal die Häuser aus dem Krieg zurückkehren“. Ihre Worte sind das Stärkste, was dieser Abend zu bieten hat. Der dennoch die Frage, ob dieses Oratorium überhaupt eine Inszenierung braucht, nicht beantworten kann.

Wieder am 26.11. und 1. bis 3.12., 19 Uhr

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