Kultur : Israelische Bühnen: Der zerrissene Vorhang

Ruth Fühner

Im Anfang war die Bibel. Davon ist Linda Woolf überzeugt. Das adrette Heim der Lehrerin könnte in einer amerikanischen Vorstadt stehen. In Wirklichkeit steht es mitten in der besetzten Westbank, auf die Woolf Anspruch erhebt, weil Gott seinen Bund mit Abraham geschlossen hat. Auch Rabbi Henri Noach beruft sich auf die Bibel, wenn er über Jerusalem spricht. Das Judentum, so der Rabbi, ist ohne diese Stadt nicht denkbar, die jüdische Nation schicksalhaft an die Religion gekettet.

Diese Verkettung ist auch ein Anliegen der Choreografin Rina Yerushalmi. Ihr tänzerisches "Bibelprojekt" ist freilich gerade aus der Opposition gegen die angebliche Schicksalhaftigkeit entstanden: als Versuch, das Buch der Bücher in die Welt der Kunst zu übersetzen - und es aus der überhitzten politischen Legitimitätsdebatte herauszulösen. Bei der Aufführung beim "Theater der Welt" in Berlin wirkte Yerushalmis Projekt nur pathetisch. Erst an seinem Entstehungsort, in Israel, wird greifbar, woher das Pathos rührt: aus der brisanten emotionalen Besetzung des Stoffes, aus der untoten Gegenwart einer jahrtausendealten Erzählung.

Es müssen einem erst einmal die Sinne geschärft sein für das martialische Donnergrollen, das den Alltag in Israel grundiert. Dann schnappt der Reflex politisierter Wahrnehmung selbst bei einem so offenen, bewusst vieldeutigen Kunstwerk wie Ohad Naharins "Virus" ein. Naharin ist Choreograf des weltberühmten Bat Sheva Tanztheaters. Das Haus der Kompagnie liegt nur ein paar Schritte vom Strand entfernt in Tel Aviv, und Tel Aviv ist eigentlich nicht mehr Israel. Wer in Tel Aviv lebt, kennt die Disco-Szene und die Einkaufsstraßen in Amsterdam oder New York besser als die von Jerusalem; Tel Aviv ist jung und hip und spielt unbekümmert Volleyball am Strand. Aber auch die Volleyballspieler kommen nicht um den Wehrdienst herum, und auch in Tel Aviv zittern Familien um ihre Ernährer, die als Reserveoffiziere einberufen werden.

"Virus" basiert auf Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung". Einem Text, dem es um nichts anderes geht als um die Infragestellung der Verabredungen, die das Theater ausmachen. Aber dieses mit Kreide auf die Tafel geschriebene "Plastilina" - sollte das nicht eigentlich "Palästina" heißen? Und der rote Kreidefleck, der da auf der Tafel entsteht - ist der nicht blut-rot? Die orientalische Musik, zu der zu Anfang eine überlebensgroße Puppe aus Plastiksäcken tanzt - ist sie ein politisches Statement?

Torsi schweben durch den Raum

Handkes "Publikumsbeschimpfung" stieß in den 60er Jahren in Deutschland die Tür zu einer Theateravantgarde auf, die mit einer offenen Ästhetik arbeitete, die als Sinn-Baukasten funktionierte. Diese Freiheit hat sich das israelische Theater noch nicht lange erobert. Wer der Verpflichtung auf den zionistischen Auftrag entgehen wollte, dem stand nur die kommerzielle Unterhaltung offen - kein Wunder, dass das Musical eine Zeit lang zu den beliebtesten Gattungen im theaterbegeisterten Israel gehörte.

Ohad Naharin aber ist einer der Protagonisten einer offeneren Theaterästhetik. Seine "Publikumsbeschimpfung" ist ein pulsierender kollektiver Bewegungskörper, der sich ausdehnt und zusammenzieht, Muster bildet und seine Bestandteile wieder ins Chaos entlässt. Bis zum Schritt stecken die Tänzer der Bat Sheva-Compagnie in schwarzen Trikots, von da an in hellen - seltsam abgeschnittene Torsi schweben durch den Raum. Was sie bewegt, bleibt im Dunkeln, wirkmächtig, aber unbewusst. "Atém" schreibt eine der Tänzerinnen in hebräischen Schriftzeichen auf die bühnenbreite Tafel: "Ihr". Und schon verläuft, durch einen simplen Sprechakt, eine Front zwischen "Ihr" und "Wir". Genau hier liegt der wunde Punkt der israelischen Gegenwartsgesellschaft. Der zionistische Konsens von einst ist längst aufgebrochen, die Legende vom Melting Pot der Jüdischkeit widerlegt. Das Gescher-Theater ist da kein Gegenbeweis.

Russen drängen in die Szene

Wenn Tel Aviv anders als Israel ist, dann ist das Gescher anders als Tel Aviv. Das Theater ist eine russische Gründung, Begleiterscheinung jener jüngsten Zuzugswelle, an der Israel gerade schwer zu schlucken hat. Die Zahl der Russen beläuft sich auf eine Million, und sie sind so kulturversessen und so wenig anpassungsbereit wie keine Einwanderergeneration vor ihnen. Dass das Gescher-Theater seine etwas triste Musical-Version von Michail Bulgakows "Der Meister und Margarita" mit russischer Übertitelung in der Landessprache präsentiert, ist da schon ein gelungener Brückenschlag: "Gescher" heißt "Brücke".

Die Einwanderungswelle aus der ehemaligen Sowjetunion beschleunigt die weltweite soziale Atomisierung und Entideologisierung, der auch Israel auf Dauer nicht entgehen konnte. Die zionistischen Eliten sind schon lang nicht mehr Herr im eigenen Haus. Sie konkurrieren um die Bestimmung der gesellschaftlichen Grundwerte mit den orientalischen Juden, den Frommen und der Fun-Generation genauso wie neuerdings mit den Russen. So schwierig dieser Prozess ist, vor welche Zerreißproben er das Land auch stellt - er scheint bewältigbar. Zumindest im Vergleich zum Konflikt mit denen, denen Land und Grund einst gehörten: den Palästinensern und den Israelis mit palästinensischem Pass. Die Lage sah schon einmal hoffnungsvoller aus.

Einer, der fest an Frieden und Gerechtigkeit geglaubt hat, ist Eran Baniel. Baniel leitete das Theaterfestival von Akko, als er die ersten arabischen Theatermacher seines Lebens kennen lernte - obwohl er in Haifa aufgewachsen war, einer der Städte mit dem höchsten arabischen Bevölkerungsanteil. In Akko kam ihm die Idee einer bis dahin einmaligen Zusammenarbeit: einer binationalen Produktion von "Romeo und Julia", erzählt als Geschichte zwischen Israelis und Palästinensern. Es war das erste Mal, dass Palästinenser und palästinensische Israelis selbstbestimmt in einer israelischen Produktion mitspielten - aber unter welchen Schwierigkeiten! Die Probenarbeit war geprägt von politischen Fallstricken und Behinderungen, illegalen Grenzübertritten, dringenden nächtlichen Anrufen beim Premierminister. Das war vor sechs Jahren. Heute scheint alles umsonst gewesen zu sein. Der Abbruch der Friedensverhandlungen in Camp David, die zweite Intifada - sie haben Baniels Vertrauen in die arabischen Freunde von einst tief erschüttert.

Seit Ariel Scharon seinen Hardlinerkurs verfolgt, verweigern sich die Palästinenser jeglicher Zusammenarbeit. Viele konnten darin ohnehin nichts Erstrebenswertes sehen. Mustafa Kurd zum Beispiel vom palästinensischen El Hakawati-Theater in Ost-Jerusalem hat für Eran Baniels "Romeo und Julia" nur Verachtung übrig. Für ihn war das Projekt nichts anderes als eine große Geldmaschine mit dem Ziel, den palästinensisch-israelischen Konflikt kleinzureden.

El Hakawati - der "Geschichtenerzähler" - entstand in den 70er Jahren unter dem Eindruck des Sechstagekriegs. Langsam, tastend und ohne Vorbilder im eigenen Land entwickelte die Truppe ihr politisches Volkstheater auf der Suche nach der palästinensischen Identität. Mittlerweile pumpt eine ganze Reihe wohlmeinender internationaler Geldgeber Dollars und D-Mark in die Kulturszene von Westbank und Gazastreifen - gebunden an Auftragsarbeiten über Themen wie Demokratie oder die Rolle der Frau in der palästinensischen Gesellschaft. Friedhofsruhe statt Frieden - das ist es, vermutet Mustafa Kurd, was die Wohlmeinenden für sein Volk wollen. Und die Beschneidung seiner künstlerischen Freiheit, Not und Empörung seines Volkes Ausdruck zu verleihen. Und was ist mit der palästinensischen Autonomiebehörde? Fördert sie die kulturelle Selbstbestimmung, die hochfliegenden Projekte über Khalil Ghibran oder Camus, an denen das Herzblut des Theatermachers hängt? Mustafa Kurd schweigt. Auch das ist eine Antwort.

Von Ostjerusalem aus gesehen erscheint das, was auf der israelischen Theaterszene verhandelt wird, sehr weit weg und sehr luxuriös. Und doch ist der tiefe Graben, der die beiden Welten trennt, nur so viele Meter breit, wie ein militärischer Kontrollposten einnimmt. Dass der Luxus einer scheinbar zweckfreien Ästhetik nur auf machtgeschütztem Boden gedeihen kann - das ist eine israelische Erkenntnis, die durchaus exportfähig ist.

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