Israelische Regisseurin Oifra Henig : Gott darf nicht in den Proberaum

Mit dem Theaterprojekt "Drei Hunde Nacht" bringt Regisseurin Ofira Henig am Deutschen Theater israelische, palästinensische und deutsche Schauspieler zusammen.

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Die israelische Theaterregisseurin Ofina Henig.
Fasziniert vom Tod: Die israelische Theaterregisseurin Ofina Henig.Foto: Gerard Allon

In Israel zu leben und sich keine Gedanken über den Tod zu machen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Weil der Holocaust präsent bleibt. Und weil allgegenwärtig ist, was man nur „die Situation“ nennt, der ewige Konflikt mit Palästina.

„Der Tod war nicht Teil meines Lebens. Er war Nachrichtenrealität“, sagt die Theatermacherin Ofira Henig. Das änderte sich, als ihr Vater schwer krank wurde und sie bat, ihm bei einem würdigen Sterben zu helfen, wenn der Moment gekommen sei. Henig willigte ein. „Aber ich verstand nicht: Wann ist dieser Moment?“ Die Entscheidung darüber hat sie schließlich nicht mehr treffen müssen, der Vater starb zuvor. Aber das Thema ließ die Künstlerin nicht mehr los und nahm immer mehr Raum in ihren Gedanken ein. Nebst allen Konflikten, die damit einhergehen. „Ich befürworte Sterbehilfe“, sagt Henig. „Es ist eine Option, die Menschen haben sollten. Und zugleich bin ich mir bewusst, dass sie für das Böse missbraucht werden kann.“

Das Theaterprojekt "Drei Hunde Nacht"

Das Theaterprojekt, das aus all diesen Überlegungen erwachsen ist, heißt „Drei Hunde Nacht“ und feiert an diesem Mittwoch im Deutschen Theater Premiere. Henig, die als freie Regisseurin in Tel Aviv lebt, bringt darin israelische, palästinensische und deutsche Schauspieler zusammen, die persönliche Geschichten in ein universelles Stück über letzte Fragen überführen. Es wird kein Seelenstriptease, darauf legt die 1960 im Kibbutz Ruhama-Israel geborene Theatermacherin Wert, intime Bekenntnisse auf der Bühne stehen für sie im Rang von Pornografie.

Mit der von DT-Seite beteiligten Almut Zilcher etwa wollte Henig nicht deshalb arbeiten, weil die Schauspielerin, die mit Regisseur Dimiter Gotscheff verheiratet war, die Erfahrung des Verlustes gemacht hat. Sondern weil sie sie „für eine großartige Künstlerin“ hält. „Manche unserer Geschichten auf der Bühne sind selbst erlebt, andere nicht“, stellt Henig klar. „Am Ende ist es ein Theaterstück.“

Israelis und Palästinenser zusammen auf der Bühne

Eines, in das sie erstmals in ihrer Karriere auch die tagesaktuelle Politik eingelassen hat. Neben Fragen nach der Sterbehilfe und ihrer Pervertierung, in Gestalt der Euthanasie der Nazis, spielt auch die Zwangsernährung eine Rolle. Die ist in Israel im Falle des Hungerstreiks politischer Gefangener mittlerweile gesetzlich erlaubt. Sterbehilfe bleibt dagegen illegal. Der Patient hat indes die Möglichkeit, die weitere Behandlung abzulehnen. So entschied sich auch Ofira Henigs Vater, „er sagte, keine Medikamente mehr, lasst mich in Ruhe“.

„Drei Hunde Nacht“ ist eine trilinguale Koproduktion mit drei Frauen und einem Mann auf der Bühne, die überwiegend in Tel Aviv geprobt wurde. Auf Englisch, mit einem ganzen Stab von Übersetzern. „Wenn man das Hebräische und Arabische ins Deutsche überträgt, wird es zwei Mal so lang“, stöhnt die Regisseurin. Auch das war ein Grundgefühl während der Arbeit, die auf den ersten Blick das Ideal deutscher Versöhnungs-Dramaturgen zu erfüllen scheint: Israelis und Palästinenser zusammen auf der Bühne!

„Es geht aber nicht darum, friedliche Koexistenz zu demonstrieren und zu zeigen, was für eine gute Israelin ich bin“, ruft Henig. „Das halte ich nicht aus. Es gibt keine Koexistenz in Israel, Punkt.“ Mit Schauspielerinnen wie Salwa Nakkara oder Lani Shahaff verbindet sie eine lang gewachsene Zusammenarbeit, die künstlerischen Erwägungen folgt. Und keine Behauptung einer Utopie ist.

Gott nicht in den Proberaum lassen

Wobei Henig als überzeugte Linke deutliche politische Stellungnahmen nicht scheut. Im Gegenteil, ihre Überzeugungen haben sie schon mehrfach den Job gekostet. Sie hat die Leitung des Israel Festivals während der Zweiten Intifada hingeworfen. Sie wurde als künstlerische Leiterin des Herzlia-Ensembles 2011 entlassen, weil sie gegen die Auftritte israelischer Schauspieler in den besetzten Gebieten protestiert hatte. Und wenn man sie heute auf die israelische Kulturministerin Miri Regev anspricht, die alle staatskritische Kunst am liebsten verbannen würde, entgegnet sie unumwunden: „Diese Frau ist eine Faschistin. Und ich gehe mit dem Wort nicht inflationär um, das können Sie mir glauben.“ In Regevs Augen sei jeder Kritiker ein Verräter, der Staat stehe über allem. Für viele Künstler bliebe da nur der Weg, entweder ins Ausland zu gehen oder ins Unterhaltungsgewerbe. Für die Regisseurin keine Option.

Ofira Henig ist die Tochter von Holocaust-Überlebenden, zweite Generation, ihre Mutter ist Deutsche, sie ist groß geworden mit Goethe, Schiller und der Shoah. Es war ein säkularer Haushalt, auch Henig ist nicht religiös. Sie hat auch bei der Arbeit an „Drei Hunde Nacht“ entschieden, „Gott nicht in den Proberaum zu lassen“. So trägt es auf ganz eigene Art zum Spielzeit-Motto des DT „Der leere Himmel“ bei.

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