Kultur : Israelischer Alltag

Die Autorin lebt in Jerusalem. Aus dem Schwedische

Schwerbewaffnete israelische Soldaten stehen Demonstranten verschiedener israelischer Friedensgruppen gegenüber. Etliche Palästinenser geraten zwischen die israelischen Fronten, auch eine Mutter mit zwei kleinen Kindern, die nicht einmal zu Fuß durchgelassen werden. Auch der norwegische Konsul ist da, zusammen mit fünf Palästinensern, die in der Türkei an einer israelisch-palästinensischen Friedenskonferenz unter norwegischer Regie teilgenommen hatten. Jetzt kehren sie, auf dem Heimweg nach Ramallah, in die Realität zurück. Nach langem Hin und Her darf der kugelsichere Kombi des Konsuls passieren, ebenso ein Rotkreuzfahrzeug mit Blutkonserven für ein palästinensisches Krankenhaus und ein Lastwagen mit Versorgungsgütern für das Flüchtlingslager Qalandiya. Das Publikum des absurden Theaters besteht aus zumeist ausländischen Korrespondenten im Kriseneinsatz, offenbar ohne Kenntnis der örtlichen Verhältnisse. Darum dürfte ihnen die Pointe entgangen sein: dass sich die Szene innerhalb von Jerusalem abspielte.

Nach dem Sechstagekrieg wurden die Stadtgrenzen erheblich ausgedehnt, mehrere palästinensische Ortschaften wurden eingemeindet, deren Einwohner erhielten blaue, israelische Personalausweise, genau wie die Palästinenser in Ost-Jerusalem. Bürgermeister Ehud Olmert spricht bei jeder Gelegenheit vom "unteilbaren Jerusalem, der wiedervereinten, ewigen Hauptstadt Israels". Obwohl er an jeder Straßensperre erkennen müsste, wie geteilt Jerusalem wieder ist. Olmert und seine Freunde vom rechten Likud können auch nicht hoffen, dass die Palästinenser freiwillig ihre blauen Personalausweise gegen die orangefarbenen Ausweise der Palästinenser im besetzten Westjordanland eintauschen.

Der blaue Ausweis bietet zwar nicht die israelische Staatsangehörigkeit, die sie ohnehin nicht haben wollen, aber doch viele andere, wichtige Vorteile. Da die palästinensischen Einwohner Jerusalems als "nicht unter Besatzung stehend" gelten, haben sie alle sozialen Rechte. Vor allem können sie sich innerhalb Israels frei bewegen. Ihre Autos haben gelbe (israelische) Kennzeichen, sie können überall Arbeit suchen, überall studieren, einkaufen und Geschäfte eröffnen, nicht zuletzt in Jerusalem, dem wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Zentrum der Palästinenser. So war es jedenfalls bislang.

Nun ist alles anders. May Alami, eine gutgekleidete, hochgebildete Palästinenserin, hat als Bewohnerin des einverleibten Vororts Aqab einen blauen Ausweis. Doch nach einem Arztbesuch in Ost-Jerusalem kann sie mit ihren beiden Kindern nicht nach Hause zurückkehren, jedenfalls nicht in diesem Moment. Die siebenjährige Dima und die fünfjährige Rinad, prächtig herausgeputzt, mit vielen bunten Spangen und Schleifen im Haar, posieren begeistert für die Fotografen, halten sich aber dicht an die Mama, die mit den Soldaten verhandelt. "Die Mädchen gehen in Ost-Jerusalem zur Schule, aber seit sechs Monaten kommen wir hier mit dem Auto meistens nicht mehr durch, an manchen Tagen nicht einmal zu Fuß", berichtet May Alami. "Also sind wir gezwungen, mit ihnen über einen steilen Hügel zur Straße hinunterzusteigen. Jetzt ist sogar dieser Weg versperrt."

Etwa 150 israelische Demonstranten skandieren Parolen und verteilen hebräisch und arabisch beschriftete T-Shirts an ein paar neugierige palästinensische Buben. Die Soldaten bekommen eine kleine Broschüre, in der erläutert wird, was gemäß Genfer Konvention bei Krieg und Besatzung erlaubt ist und was als Kriegsverbrechen gilt und durch das Haager Gericht verfolgt werden kann. An die Adresse Ariel Scharons gerichtet, ruft der Sprechchor: "Arik, Arik, keine Sorge, keine Bange, im Haag erwarten sie dich schon lange."

Plötzlich entdeckt ein Soldat ein bekanntes Gesicht unter den Demonstranten, er läuft hin, umarmt den Mann, die beiden gehören derselben Einheit an. "Na, was für eine Ausrede hast du dir denn einfallen lassen?", fragt der Soldat. Der Demonstrant sagt, er habe sich der jungen Bewegung von Reserveoffizieren angeschlossen, die sich weigern, in den besetzten Gebieten Dienst zu tun. Obwohl der Soldat von den "Verweigerern" nicht viel hält, setzen sie ihre Unterhaltung herzlich fort. Dann kehrt der Soldat zur Straßensperre zurück. Dort erklärt er einer älteren Palästinenserin, die sich vor zwei Jahren einer schweren Herzoperation unterziehen musste, dass ihr die Bescheinigung des israelischen Krankenhauses leider nichts nütze. Die Frau und ihre Begleiterin müssen warten, bis die Straße wieder freigegeben wird. Nach vielen Stunden.

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