Kultur : Israels Stärke

Abbas Beydoun meldet sich aus Beirut

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Abbas Beydoun schreibt abwechselnd mit Moshe Zimmermann aus Tel Aviv Noch immer bombardiert und beschießt das israelische Militär den Libanon. Die 48-stündige Feuerpause hat es lediglich ermöglicht, unter den Trümmern Dutzende von Toten hervorzuholen und ihnen ein Massengrab zu schaufeln. Anschließend wurde die bereits zerstörte Vorstadt ein weiteres Mal bombardiert, in der Luft hängt die Drohung, auch das Stadtzentrum anzugreifen. Was von der Infrastruktur noch übrig war, wird nun auch demoliert. Diese Infrastruktur gehört dem libanesischen Volk, das von der israelischen Armee zwar als Geisel der Hisbollah betrachtet wird, nun aber an ihrer Stelle bestraft wird.

Hat sich Israel überhaupt Gedanken darüber gemacht, wie die gemeinsame Zukunft mit diesem Volk aussehen soll? Denn von den ersten Kriegstagen an litten in erster Linie die Menschen. Die Hisbollah kann nun behaupten, den gesamten Libanon zu verteidigen – und die Libanesen glauben es.

Glaubt aber die israelische Regierung an eine Zukunft mit den Völkern der Region? Nichts deutet darauf hin, dass die Staatsführung auf etwas anderes vertraut als auf ihre Abschreckungskraft. Israel betrachtet sich als das einzige Land in der Region, das die Bezeichnungen Staat, Demokratie und Moderne für sich reklamieren kann. Israel ist der einzige Staat, und deshalb greift es die Herrschaftsansprüche und Grenzen derer an, die es Israel nicht gleichtun können. Israel ist die einzige Demokratie, doch es ist eine aristokratische Demokratie, die anderen nicht dieselben Rechte gewährt, noch nicht einmal innerhalb der eigenen Landesgrenzen. Und Israels Moderne? Ist zwar eine Moderne in dem Sinne, dass sie dem unabhängigen Individuum einen Wert zumisst – aber nur dem israelischen Individuum. Während alle anderen ohne Rechtfertigung umgebracht werden können. Dies macht aus Israel einen Erben des eigentlich der Vergangenheit angehörenden kolonialen Denkens. Wir sollten nicht vergessen, dass Israel der einzige moderne Staat ist, der landbesetzenden Kolonialismus praktiziert, indem er sich große Teile der Westbank einverleibt.

Auf arabischer Seite gibt es unzweifelhaft eine Vorgeschichte der Verzweiflung und der ideologischen Einseitigkeit. Doch auch „die einzige Demokratie“ im Nahen Osten hat keine demokratische Vision gegenüber ihren Nachbarn. Die meisten Araber haben Frieden mit Israel geschlossen. Israel aber kümmert die Chance einer friedlichen Lösung nicht. Lieber wird Syrien terrorisiert, als dass man die Golanhöhen aufgäbe. Lieber werden den Palästinensern Landstücke früherer Siedlungen zurückgegeben, wird eine Trennmauer gebaut und weiteres Land gestohlen, als dass man einen wirklichen Staat zuließe, der die Feindschaft endgültig beenden könnte. Israel glaubt an nichts als die eigene Stärke. Es verteidigt den Diebstahl von Land, das es letztlich doch nicht ewig halten kann.

Man stelle sich einen Frieden mit Syrien vor – einem Land, das mit dieser Lösung jederzeit einverstanden wäre, einzig um den Preis der Rückgabe der Golanhöhen. Welch eine Zukunft könnte von diesem Punkt aus beginnen! Und welche Signalwirkung – auch für die israelisch-libanesische Grenzziehung! Wer würde danach noch an einen Krieg mit Israel denken? Der Friede ist längst bereit. Er wartet nur darauf, dass Israel kriegsmüde wird.

Auch weiterhin bombardiert und beschießt die israelische Armee den Libanon. Man wird mir sagen: Führe das nicht alles im Detail aus. Ein weiteres Massaker, noch mehr Zerstörung, es sind doch alles nur langweilige Wiederholungen. All das ist doch schon normal geworden, also übertreibe nicht. Aber welcher Schrecken erreicht die Menschheit denn überhaupt noch, wenn das, was hier passiert, wirklich schon normal ist?

Der Autor, Jahrgang 1945, ist der bekannteste Schriftsteller des Libanon und Feuilletonchef der Zeitung „As-Safir“. Aus dem Arabischen von Achmed Khammas.

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