Kultur : Ist da draußen jemand?

Zehn Jahre Gob Squad: Die Performance-Gruppe feiert Geburtstag mit René Pollesch

Sandra Luzina

Sie tun es bevorzugt mit Fremden. In der Nacht. Sie verlangen nicht viel. Und sie bekommen, was sie wollen. Den Kuss für „Super Night Shot“ haben sie alle Nächte wieder bekommen. Mit Videokameras waren sie ausgeschwärmt; der Auftrag lautete: jemanden zu finden, der den Helden in einer langen Filmszene küsst. Musik!

Ist das eine Party oder ein Überfall? Ist das Avantgarde? Das weiß man nie so genau, wenn Gob Squad losziehen und ahnungslose Passanten in Ad-hoc-Performances verwicklen. Fantastische Interventionen in der Realität – so bezeichnen sie selbst ihre Produktionen, die sich an der Schnittstelle von Performance und Installation bewegen.

Mit „Is there anybody out there“, einer Studien-Abschlussarbeit, die 1994 beim Gießener „Diskurs“ gezeigt wurde, fing alles an. Zehn Jahre und viele Küsse später sind Gob Squad zu Helden der Live- Art-Bewegung geworden. Und sie werden immer besser. Wer Gob Squad in ihrem Ladenbüro in der Berliner Torstraße besucht, stößt auf Apple-Computer, japanisches Spielzeug und Star-Wars-Kostüme – hübsche Fundstücke aus der Fetisch- und Fantasy-Warenwelt. An der Wand hängt eine Europa-Karte, rote Fähnchen markieren, wo Gob Squad schon aufgetreten sind.

„Der Norden ist noch etwas unterversorgt“, kommentiert Sean Patten den Expansionskurs der Gruppe. Berlin ist (neben Nottingham und Hamburg) die Homebase der Gruppe. „Wir führen einen Krieg – gegen die Banalität und Anonymität des Großstadtlebens“, sagt Berit Stumpf und Sean Patten nickt.

Zusammen mit Johanna Freiburg, Sarah Thom, Bastian Trost, Simon Will und assoziierten Künstlern wie Elyce Semenec bilden die beiden ein Künstler-Kollektiv, das einen enormen kreativen Output hat. Das ist das eigentliche Wunder: Auch nach zehn Jahren stimmen sie das Loblied des kollektiven Arbeitens an. Diverse Krisen – ausgelöst durch Pärchenbildung, Kinderkriegen, Therapie anfangen und was das Erwachsenwerden so mit sich bringt – haben sie noch fester zusammengeschweißt. Dass sie britische und deutsche Eigenschaften aufs Schönste zu verbinden wissen, haben sie immer wieder demonstriert. Charme und Kameras sind ihre Waffen, Selbstironie ist ihr Schutzschild. Zwei Uhren sind ihr wichtigstes Instrument. Zeit-Strukturen ersetzen bei ihnen das Skript. Sie lockt immer noch das Draußen, „the great outdoors“.

An verschiedenen öffentlichen Plätzen haben sie kleine Wunder inszeniert. Sie haben in Möbelgeschäften assistiert und auf Parkplätzen unheimliche Begegungen herbeigeführt. Bei Gob Squad muss man sich darauf gefasst machen, von einem Außerirdischen gekidnappt zu werden. In „Room Service. Help me make it through the night“ ließen sich vier Performer in in ein Hotelzimmer einschließen und von Kameras beobachten. Den Zuschauern, die das Geschehen im TV-Raum verfolgten, wurden verschiedene Angebote gemacht. „Du musst es schaffen, einen Fremden in dein Zimmer zu locken“, sagt Elyce Semenec und erzählt lachend von ihrer „Orgie“: „Niemand hat sich ausgezogen, aber es war viel sexier als in einem Robbie-Williams-Video“.

Gob Squad spielen raffiniert mit medialen Fantasmen und den Manipulationen der technischen Kommunikation. „Wir zeigen, wie Bilder konstruiert werden – um sie dann wieder zu dekonstruieren“, erklärt Sarah Thom. Inmitten von Lüge und Verstellung finden sich immer wieder Momente von Wahrheit. Nun wartet eine Reifeprüfung auf Gob Squad. Für Teil 3 der Prater-Saga „In diesem Kiez ist der Teufel – eine Goldmine“ haben sie die künstlerische Verantwortung übernommen. René Pollesch überließ ihnen seinen Text, das gab es bisher noch nie.

Angekündigt wird wieder eine Guerilla-Performance: zum Thema Ausbeutung. Die Gruppe tarnt sich als TV-Team, das beim Casting hart verhandelt – um Gagen. Alles aufs Spiel zu setzen, das haben sie gelernt in zehn glorreichen Jahren.

„In diesem Kiez ist der Teufel – eine Goldmine“, Volksbühnen-Prater. Premiere ist heute um 20 Uhr.

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