Kultur : Ist das nicht zum Beispiel Tante Elli?

KATRIN BETTINA MÜLLER

Mit jedem Jahr, das wir älter werden, verändert sich die Bedeutung alter Fotos.Das gilt nicht nur für das private Album.Je mehr Generationen sich in den Archiven der Gebrauchsfotografie ablagern, desto mehr Informationen entdecken wir in ihnen, die ursprünglich nebensächlich waren.Das fotografische Gedächtnis ergänzt nicht bloß Familiengeschichte sondern läßt soziale Rollen und Muster erkennen, in die man wie in eine zweite Haut geschlüpft ist.

300 000 Negative hat das Fotostudio Mathesie bei seiner Schließung 1993 dem Kreuzberg-Museum überantwortet.300 000 mal der Versuch, ganz natürlich zu sein.Die Ausstellung "Jetzt lächeln", für die eine Arbeitsgruppe der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) 3000 Fotos ausgewählt hat, kann wohl niemand besuchen, ohne irgendwo zwischen den fremden Gesichtern eigenen Geschichten zu begegnen.

Ist das nicht zum Beispiel Tante Elli? Auf Fotos verströmte sie genau jenen Hauch von Marika Rökk und Marlene Dietrich, wie Martha Erna Kaso, die vor allem in den 40er und 50er Jahren ihre Auftritte im Atelier Mathesie genoß.Bis zu ihrem Tod 1983 blieb Frau Kaso eine regelmäßige Kundin und ihre Porträts erzählen vom "auf sich halten": ein Vergnügen, das zunehmend zur Anstrengung wird.Irgendwann fragt man sich, für wen sie, die hier ein Leben lang solo posierte, die Fotos wohl machen ließ.

Eine bloße Chronologie hätte das Material wohl kaum so zum Sprechen gebracht wie die Gruppierung nach hundert alphabetischen Stichworten, die sozialhistorischen, fotografie-geschichtlichen und ästhetischen Kategorien folgen.Der Beginn bei A wie "Abwesenheit des Vaters" skizziert zugleich den Zeitpunkt, als Charlotte Mathesie 1945 ihr Studio in der Adalbertstraße eröffnete.Das Festhalten an den Bildkonventionen der Vorkriegszeit war gewiß auch ein Mittel der inneren Stabilisierung in einer Zeit, in der nicht nur die Stadt in Trümmern lag.

Bis in die siebziger Jahre hielt Mathesie an der Schwarz-Weiß-Fotografie fest: eine menschenfreundliche Geste, denn nur dort waren die intimen Korrekturen der Retusche möglich.Nicht der neueste technische Standard sondern das "Einfühlungsvermögen", das Charlotte Mathesie und ihre insgesamt 16 Lehrmädchen den Kunden entgegenbrachten, machte die Qualität des Studios aus.

Die Reihung der Bilder auf den drei Meter langen Papierbahnen betont die Massenproduktion.Der Verzicht auf die Ausschnittvergrößerung läßt die Arbeitssituation mit Requisiten und Hintergründen zur Auswahl erkennen.Aber auch wenn man die vierzig Damen, die sich zwischen 1948 und 1972 in geblümten Kleidern fotografieren ließen und nun unter B wie "Blumenkleid" eingeordnet sind, betrachtet hat, bleibt erstaunlicherweise nicht die Konfektion sondern die Sehnsucht nach dem Besonderen im Kopf.Peter Funken von der Arbeitsgruppe der NGBK nennt die Arbeit des Fotostudios deshalb ein "Hohelied der Privatheit und Individualität".

Seit Anfang der 70er Jahre nutzten Griechen, Jugoslawen und Türken das Studio Mathesie, um ihren in Berlin erreichten Stand zu dokumentieren.Da ihre Bildkonventionen ein wenig von denen der Deutschen abweichen - Männer wollten zum Beispiel gerne stehend, mit Armbanduhr oder Transistorradio zu sehen sein - erleichtern sie das Sichtbarwerden der Posen, die man im Fremden oft schneller als im Eigenen erkennt.Im schönen Katalog beschreibt Peter Gerlach dazu eine kurze Genealogie der Körperhaltungen, die oft von Vorbildern über Jahrhunderte hinweg geborgt werden.Die Ausstellung "Jetzt lächeln" ermöglicht, sich dieser Konditionierung am eigenen Leib bewußt zu werden.

Eine Spezialität von Mathesie war das Bild "ihres Lieblings": 250 Hundefotos weisen in Kreuzberg den Weg vom Kottbusser Tor und Görlitzer Bahnhof zu den beiden Ausstellungsorten in der Oranienstraße 25 und im Kunstamt Kreuzberg.Die Vierbeiner, frisiert, manchmal kostümiert und posierend - teils mit Hilfspersonal, das in der Atelierecke "Männchen" vormacht - muten komisch und traurig an: komisch durch ihr menschenähnliches Rollenspiel, traurig durch die geballte Vorstellung von Einsamkeit, die zu solcher Hundeliebe führt.

1993 zwang eine Mieterhöhung Michaela Niebuhr, die das Atelier ihrer früheren Meisterin übernommen hatte, zur Geschäftsschließung.Knapp hundert Jahre zuvor, 1895, hatte Max Mathesie, der Vater von Charlotte, sein Studio eröffnet: Damals verzeichnete Berlin schon 220 Porträt-Ateliers.Heute bedienen Fotoautomaten den Markt für Paßfotos; Porträts vom Profi leistet sich fast nur noch, wer sie für kommerzielle Zwecke braucht.So umfaßt "Jetzt lächeln" auch die Geschichte eines Berufszweigs, dessen Zeit zu Ende geht.

NGBK (Oranienstr.25) und Kunstamt Kreuzberg / Künstlerhaus Bethanien (Mariannenplatz 2): bis 16.8., tgl.12 - 18 Uhr 30; Katalog 180 S., 28 DM.

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