Kultur : Ist denn das Internet ein Original?

NIKOLAUS BERNAU

Über zwei Dinge war man sich am Ende des 25.Deutschen Kunsthistorikertages in Jena einig: Die Bedeutung der wissenschaftlichen Disziplin Kunstgeschichte - damit auch die ihrer in der thüringischen Industriestadt versammelten Vertreter - wird in Zukunft eher zu- als abnehmen.Keine Rede war mehr von dem in den achtziger Jahren beschworenen "Ende der Kunstgeschichte".Gleichzeitig schien jedoch den meisten die Erschließung neuer Gebiete und Gattungen notwendig.

Diese Einigkeit überraschte angesichts der bisherigen Konservativität einer von Museums- und Universitätsbeamten geprägten deutschen Kunstgeschichte; betrachtet sie doch selbst die praktische Denkmalpflege schon als eine eigentlich zu weltliche Disziplin.Im Rahmen der Neuorientierung soll sich die Kunstgeschichte den Massenmedien, Fernsehen und Internet, der Massenkultur insgesamt zuwenden.Schließlich besäßen Kunsthistoriker, wie Martin Warnke ausrief, als einzige die Kompetenz, die Bilderfluten der modernen Medien kritisch zu bearbeiten.Seit immerhin 200 Jahren seien sie im Beschreiben, Analysieren, Interpretieren von Bildern geübt.

Warnke hielt aber auch eine grundsätzliche Neuausrichtung der Kunstforschung zur Moderne für gekommen: Sie dürfe sich nicht mehr, wie bisher, auf die Avantgardekunst und ihre Schöpfer konzentrieren, da diese - wie bereits die Grafikforschung - das Thema von Spezialisten würde, sondern müsse ihren eigenen Traditionslinien folgen, die von der Tafelmalerei zu einer Naturnachbildung, -verfremdung und -interpretation verpflichteten Bildkultur etwa des Fernsehens führten.Strukturell sei eine Talkshow oder ein Naturfilm mit einer Bilderbibel für die Leseunkundigen oder einem Landschaftsgemälde Poussins zu vergleichen.Problematisch an dieser These ist der Dualismus zwischen einer Kunst, die Naturbeschreibung sein soll, und einer modernen Kunst, die sich von der Natur gelöst hat.Andererseits dürfte Verona Feldbusch kein Beispiel für kulturelle Leistungen des TV und die Avantgardeforschung durchaus mit den Methoden der klassischen Kunstgeschichte zu betreiben sein.

Ein Epochenumschwung findet gegewärtig statt, dessen historische Vorläufer im Zentrum des Kongresses standen.Man begann bei den nun auch von der Kunstgeschichte widerlegten Ängsten der Menschen um 1000, als eine äußerst zukunftsfreudige Kunst blühte, und ging über die klassischen Wendepunkte der deutschen Kunstgeschichtsschreibung "Um 1500", "Um 1600", "Um 1800", die klassische Moderne bis zur "Sattelzeit" der 60er Jahre, die sich allerdings nur auf die alte Bundesrepublik beziehen läßt.Denn während in den USA oder Westeuropa oder auch im Bereich des Sozialistischen Realismus die sechziger Jahre eher eine Phase der künstlerischen Stabilität gewesen sind, hat sich in Westdeutschland erstmals der Begriff einer vorbildhaften amerikanischen Kunst durchgesetzt.Gleichzeitig aber ist durch viele aus der DDR emigrierte Künstler die nationale Frage immer wieder unangenehm laut gestellt worden.

Hier wenigstens kam das sonst in der Kunstgeschichte und Denkmalpflege sprengkräftige Ost-West-Verhältnis zur Sprache.Ansonsten war in Jena von der Lage des Ortes im einstigen Bezirk Gera wenig zu spüren.Nur die Ausstellung des Kunsthistorischen Institutes über den runden Turm im Stadtzentrum Jenas zeigte etwas von den Sonderproblemen des Ostens.Der einst von Hermann Henselmann entworfene Turm sollte lange Zeit abgerissen werden.Während das erstmals für Thüringen bearbeitete "Dehio-Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler" allenthalben unentbehrlich ist, hatte die Sektion über die thüringischen Schloßbauten eher lokalpatriotischen Anstrich.

Der wichtigste Epochenumbruch der eigenen Disziplingeschichte kam auf diesem Treffen allerdings nicht zur Sprache: die Rolle der Kunstgeschichte in der Nazizeit.Während sich die anderen historischen Disziplinen inzwischen nicht nur in der Forschung, sondern auch während ihrer Fachtreffen damit befassen, verlagern die Kunsthistoriker das Thema ins nächste Jahrtausend.Stattdessen ging es mehr um die Zukunft der Kunstgeschichte und damit auch des Museums als einem der wichtigsten Orte, an dem Kunstgeschichte betrieben wird und sie sich in Szene setzen kann.Eigentlich sollte es vor allem um moderne Organisationsformen von Museen gehen.Bisher werden sie - zumindest in Deutschland - durch die staatliche Kameralistik gefesselt, ohne dafür die einst versprochene finanzielle, soziale und konzeptionelle Absicherung garantiert zu bekommen.Dabei wurde so viel über Organisationsformen gesprochen, daß die Inhalte weitgehend aus dem Blick gerieten.Einzig Neil McGregor, der Direktor der Londoner National Gallery, plädierte vehement für ein Museum des Publikums, das nicht an Touristenzahlen, sondern an der Qualität des klassischen Aufklärungsauftrages zu messen sei.Gerhard Hoijer von der Bayrischen Schlösserverwaltung beklagte zwar den ständig steigenden Nutzungsdruck und die von Staat und Gemeinden eingeforderte Verwertung auch sensibelster historischer Interieurs, doch die Stellung der Schlösser als Abteilung des bayrischen Finanzministeriums empfand er als erträglich.Uwe Schneede von der Hamburger Kunsthalle, die mit ihrer radikalen Privatisierung in den letzten Jahren Aufsehen erregte, sah hier noch den Glücksfall überlebender monarchistischer Traditionen.Ähnlich dem brandenburgischen Denkmalpflegereferenten Hartmuth Dorgerloh forderte er seine Kollegen auf, die von Staat und Gesellschaft geforderte Reform der Museen lieber von innen heraus zu organisieren.

Prägend für den Kongreß war der Generationsumbruch, der nicht nur jüngere Wissenschaftler sowohl ins Publikum als auch auf die Podien brachte.Eine breite Sektion zur Ausbildungs- und Berufslage von Kunsthistorikern beschäftigte sich mit dem Nachwuchs - allgemeiner Tenor: Katastrophal, es wird noch schlimmer.Der einzige Ausweg ist neben der effektiveren Ausbildung die Vorbereitung auf eine wirtschaftlich privatisierte Kunstgeschichte außerhalb der Museen und Universität.Symbolisch für die Aufbruchstimmung war nur die Verabschiedung Georg Kauffmanns, der nach 38 Jahren Redaktionsangehörigkeit und 23jähriger Herausgeberschaft der "Zeitschrift für deutsche Kunstgeschichte" an Andreas Beyer aus Aachen und Andreas Tönnesmann aus München übergab.Er hielt ein flammendes Plädoyer für den Gebrauch der deutschen Sprache als der Muttersprache der Kunstgeschichte.Nachdem das Publikum applaudiert hatte, ging man in den Nachbarsaal, um dort auf Englisch mit dem Künstler Frank Stella den Abschluß des Kunsthistorikertages zu feiern.

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