Kultur : Ist die Idee der Menschlichkeit sterblich, Herr Finkielkraut?

Alain Finkielkraut, ist einer der meistdiskutierten Intellektuellen Frankreichs.Der 49jährige Professor der École politechnique ist gleichzeitig Direktor des "Messager européenne" und Produzent bei "France-Culture".Außerdem trat er als Literaturwissenschaftler und Feuilletonist hervor.Finkielkraut hatte erstmals 1982 mit einem Essay über den Antisemitismus der französischen Linken ("Der eingebildete Jude") Aufsehen erregt.Während des Kriegs in Ex-Jugoslawien gehörte er zu den vehementesten Befürwortern einer Intervention in Serbien.Ruthard Stäblein sprach mit ihm über sein letztes Buch "Verlust der Menschlichkeit, Versuch über das 20.Jahrhundert".

TAGESSPIEGEL: Alain Finkielkraut, Sie haben in Ihrem jetzt auf deutsch erschienenen Buch "Verlust der Menschlichkeit" eine pessimistische Bilanz des 20.Jahrhunderts gezogen.Gerade der Begriff der Menschheit habe im 20.Jahrhundert nicht zur Menschlichkeit geführt, sondern ganz im Gegenteil zur Barbarei.Wie konnte ausgerechnet der Begriff der Menschheit dazu dienen, die beiden Varianten des Totalitarismus, die des Kommunismus und die des Faschismus, bzw.des Nazismus, theoretisch zu rechtfertigen?

FINKIELKRAUT: Wer auch immer mit sich über das 20.Jahrhundert zu Rate geht, ist zuerst von seiner außergewöhnlichen Grausamkeit erschüttert.Zu allen Zeiten der Geschichte gab es Massaker, aber die Massaker des 20.Jahrhunderts haben ein quantitatives Ausmaß, eine sehr beunruhigende industrielle Form erreicht, da sich die Barbarei im Herzen der Kultur eingenistet hat.Wenn man nun darüber zu reflektieren versucht und das Stadium der Bestürzung überwunden hat, gelangt man zu der Feststellung, daß der Begriff der Humanität, der Menschheit und der Menschlichkeit durch den Schrecken kompromittiert worden ist.Nicht nur die Wissenschaften, nicht nur das Pflichtgefühl sind kompromittiert, sondern sogar der Begriff der Humanität ist kompromittiert.Man darf nicht vergessen, daß z.B.der Nazismus sich selbst als eine Art von Philanthropie, von Freundschaft zur Menschheit, verstanden hat.Man wollte nicht nur die Vorherrschaft Deutschlands durchsetzen, sondern die Politik der gesamten Menschheit auf sich nehmen und diese Menschheit zu ihrem Wohl vom fremden Juden befreien.Man muß also feststellen, daß die Idee der Menschlichkeit im 20.Jahrhundert verlorengegangen ist und daß sich die Unmenschlichkeit im Namen der Menschheit - der Rasse oder der Klasse - so massiv entfaltet hat.Daraus ziehe ich den tragischen Schluß: Die Idee der Menschlichkeit ist sterblich, sie kann verschwinden, aber sie ist zugleich mörderisch.

TAGESSPIEGEL: Das ist etwas verwunderlich, wenn man bedenkt, daß sich der Nationalsozialismus als Antihumanismus verstanden hat.Daß er die Menschlichkeit, vor allem das Mitleid, völlig abgelehnt hat.Sie sprachen von Tugenden.Die SS-Tugenden waren doch die der Unnahbarkeit, der Mitleidlosigkeit.

FINKIELKRAUT: Hitler hat gesagt: das Gewissen ist eine jüdische Erfindung.Man wollte eine unerbittliche Menschheit produzieren.Wenn man jedoch die geheimen Reden Himmlers liest, in denen er den SS-Leuten erklärt, warum man die Endlösung anpackt und vollenden will und warum man sie geheimhalten muß, dann ist man zutiefst bestürzt über den Idealismus.Himmler sagt nicht, laßt euren Instinkten freien Lauf, laßt das Tier in euch zu Wort kommen, nein.Er sagt im Gegenteil: ihr müßt imstande sein, den Instinkt, der euch in die Arme des Mitleids, des Verständnisses treibt, zu überwinden.Im Namen eines höheren Ideals.Und worin bestand dieses Ideal? Eine Menschheit ohne Juden aufzubauen.Weil die Juden, in den Augen der Nazis, sich verschworen haben, um die Welt zu beherrschen.Mit dem Erscheinen der "Protokolle der Weisen von Zion" hat der Antisemitismus im 20.Jahrhundert seinen Charakter geändert.Hannah Arendt hat das gesehen.Seitdem ist der Antisemitismus nicht mehr nur ein religiöses Vorurteil oder eine Haltung des Fremdenhasses, sondern eine Ideologie, das heißt eine totale Erklärung der Welt.Die Welt wird verständlich als Manöver der Juden, die sich gegen sie verschwören.Die Nazis waren davon überzeugt, daß sie einen Auftrag zu erfüllen hatten.Es ging darum, die Menschheit von den Juden zu befreien.Deshalb habe ich fast aus Notwehr von einer Art Verbrechen aus Menschenliebe gesprochen.Es ging darum, die tiefen Ziele der Geschichte zu verwirklichen, auszuführen.Die Nazis hatten also das Gefühl, eine Mission zu erfüllen.

TAGESSPIEGEL: Warum wollten Sie Ihrem Buch ursprünglich den Titel "Das unbrauchbare 20.Jahrhundert" geben?

FINKIELKRAUT: Ich sehe eine Welt, die mit Erinnerungsbildern überfüllt ist.Die Erinnerung aber verblendet die Welt, anstatt sie aufzuklären.Da sagte ich mir, daß das 20.Jahrhundert unnütz war, weil wir unfähig sind, daraus Lehren zu ziehen.Die ständige Rückschau auf das 20.Jahrhundert erscheint mir extrem gefährlich und fehlerhaft zu sein.Gerade das Unbehagen mit der, wenn Sie so wollen, schlechten Erinnerung hat mich dazu angeregt, das 20.Jahrhundert erneut zu erforschen, um zu wissen, welche Lehren wir daraus ziehen könnten.Eine dieser Lehren besteht darin, für die menschliche Pluralität Sorge zu tragen und aus der politischen Radikalität herauszukommen.

TAGESSPIEGEL: Wenn ich Sie so höre, könnte ich fast glauben, daß Sie dann Martin Walser recht geben, daß die Vergangenheit insbesondere durch die Medien für gegenwärtige Zwecke instrumentalisiert wird.

FINKIELKRAUT: Ich möchte nicht in eine deutsche Debatte eingreifen, weil ich nicht alle Elemente zur Verfügung habe.Ich könnte also nicht sagen, ob Martin Walser absolut recht hat.In jedem Fall kann ich eine allgemeine Tendenz in der Welt feststellen, die Vergangenheit zu beurteilen, anstatt der Gegenwart die Stirn zu bieten.Auch der Krieg in Ex-Jugoslawien gibt Martin Walser recht.So sehr wir auch wachsam gegenüber einer Wiederkehr des Faschismus oder des Nazismus sind, so sehr wir auch unsere Wünsche befriedigen, die noch lebenden Kriminellen in die Enge zu treiben, ebenso sehr waren wir gelähmt angesichts der Verbrechen, die soeben auf europäischem Boden stattgefunden haben: das Massaker von Srebrenica.Es handelt sich nicht einfach nur um die ethnische Säuberung der Serben.Es handelt sich auch deshalb um ein schreckliches Ereignis, weil die internationale Gemeinschaft eine Stadt den Massenmördern ausgeliefert hat.Sie hat also kollaboriert und sich kompromittiert.Wir müßten also über diesen Kontrast nachdenken zwischen den ständig wiederholten Bildern von Auschwitz im Fernsehen, und der relativen Gleichgültigkeit der westlichen Meinung gegenüber den Ereignissen von Srebrenica, im Herzen Europas.Dieses Nachdenken scheint mir nötiger denn je.

TAGESSPIEGEL: Aber darf man daraus den Schluß ziehen, daß man besser wegschaut beim alltäglichen Medienritual der Erinnerung?

FINKIELKRAUT: Es kommt ganz darauf an, wo man hinschaut.Es ist doch wahr, daß man fast gezwungen ist, wegzuschauen, wenn man schreckenerregende Bilder sieht.Das ist ein Reflex, den wir alle haben.Ich denke auch, daß Erinnerungsarbeit nicht ausschließlich über Bilder laufen darf.Sie muß auch über Bücher, über Texte erfolgen.Niemand schaut weg, wenn er Primo Levi liest.Man hat nicht diese Anhäufung von gräßlichen Details, und man ist gleichzeitig genau im Herzen der tiefen Wirklichkeit des Nazismus.

TAGESSPIEGEL: Und das Fernsehen?

FINKIELKRAUT: Das Fernsehen macht aus uns Zeugen, immer verlegene Zeugen.Es ist schrecklich, der Zeuge eines Massakers zu sein.Man ist verlegen, also schaut man weg.Die Kunst ist etwas anderes.Wir sind da keine Zeugen mehr.Wir erleben das Geschehen aus dem Inneren heraus.Die Kunst hat eine außergewöhnliche Kraft der Einfühlung.Ganz offensichtlich wäre es für die Erinnerung von Nachteil, wenn das Fernsehen die Kunst, auch die Geschichte ersetzen würde, weil das Fernsehen keine Arbeit verlangt.Allein die Kunst kann uns helfen.

TAGESSPIEGEL: Und was sagen Sie zu dem Vorwurf von Ignatz Bubis, der Martin Walser in die Nähe von latentem Antisemitismus rückte, ihn, bevor die beiden sich ausgesprochen haben, einen geistigen Brandstifter nannte?

FINKIELKRAUT: Ich glaube, daß man sehr vorsichtig mit einer derartigen Beschuldigung sein muß.Wir leben in einer Zeit, die besonders sensibel gegenüber Rassismus ist.Das ist gut so.Das ist in der Tat auch eine Lehre des 20.Jahrhunderts.Aber diese Sensibilität legt uns gewisse Pflichten auf.Je mehr die Sensibilität gegenüber dem Rassismus zunimmt, um so mehr spürt man auf der anderen Seite die Beschuldigung, Rassist zu sein.Das kommt von der Popularität des Antirassismus in unserer Gesellschaft.Der offene Antisemitismus muß natürlich denunziert werden.Aber was will man mit dem Wort heimlicher, unbewußter Antisemit sagen? Man versetzt den anderen in eine schreckliche Lage, aus der er sich nicht mehr lösen kann.Das ist sogar eine terroristische Anschuldigung, sie ist einschüchternd, nicht zu falsifizieren, wie Karl Popper sagen würde.Man ist damit in der Welt der Unwiderlegbarkeit, also in der Welt der Ideologie.Die Ideologie kann nicht widerlegt werden.Ein Marxist wird Ihnen sagen: Sie argumentieren in jedem Fall wie ein Bourgeois.Ihr Denken ist durch die Tatsache Ihrer Klassenzugehörigkeit beeinflußt.Darauf können Sie gar nicht antworten, weil der Angriff sich direkt auf ihr Unbewußtes bezieht.Der Vorwurf des Antisemitismus hat nur einen Sinn bei Leuten, die antisemitische Thesen oder Meinungen tatsächlich vertreten.Aber man hat kein Recht, das Unbewußte von Leuten anzuklagen, weil man genau so die terroristischen Denkweisen der Ideologie wiederfindet, unter denen gerade die Juden leiden mußten.

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