Kultur : Ist Konvention der neue Ton?

PETER HERBSTREUTH

Wollte man eine Rangliste der Berliner Galerien aufstellen, die nach der Wende eröffneten, und nähme Vermittlungserfolge von Künstlern zum Maßstab, die in diesen Galerien Premieren hatten, dann wäre neugerriemschneider Gewinner.Von hier gingen die Karrieren von Franz Ackermann, Olafur Eliasson, Sharon Lockhart, Michel Majerus, Jorge Pardo, Elizabeth Peyton, Tobias Rehberger, Wolfgang Tillmans, Rirkrit Tiravanija auf dem Kontinent aus.Alle hatten seither Einzelausstellungen in einfußreichen Kunsthäusern und Beteiligungen im internationalen Vergleich.Solche Effizienz in nur vier Jahren ist in der Galeriegeschichte dieser Dekade ohne Pendant.

Nun zogen die Jungunternehmer Tim Neuger und Burkhard Riemschneider von Charlottenburg nach Mitte und markierten den Umzug mit neuen Einladungskarten.Jorge Pardo hatte das Design der ersten Jahre gestaltet; Tobias Rehberger entwirft das neue und lenkt die Aufmerksamkeit weniger auf signalhaften Gesamteindruck als auf tanzende Details auf weißer Fläche.Ein hoher, heller Raum mit Oberlicht suggeriert einen "weißen Kubus" und bricht ihn durch ein Fenster zum Innenhof und einen weiten Durchgang in den Büro- und Projektraum.Er öffnet sich ebenso der Außenwelt wie den Geschäften.Das legt bereits architektonisch die Prinzipien offen.

Olafur Eliasson, der von Kopenhagen nach Berlin zog, hat zur Eröffnungsschau einen Brunnen mit Fontänen als geschlossenen Kreislauf in das Gehäuse gestellt, bei dem das Wasser nicht nach unten, sondern nach oben läuft.Nachdem auf allen Marktplätzen Europas Brunnen plätschern und in keiner Fußgängerzone ein Wasserspiel fehlt, bietet die Top-Adresse jüngerer Kunst tatsächlich einen Brunnen an.Ist Konvention der neue Ton? Bei früheren Wassergeräten ließ Eliasson durch Einsatz eines Stroboskops Regenbögen oder Eiskristalle entstehen.Ein Zauber täuschte wundersam die Augen und feierte die technoide Schönheit von Farben und Formen der Natur.Die Verbindung von Wasser und Licht war Magie und durchschaubare Konstruktion und ließ sich als aufgeklärte Illusion beschreiben.

Jetzt zeigt er einen Brunnen aus Eisen und Blech, der in einigen Jahren verrostet in sich zusammenbrechen und mit zuckenden Schläuchen um sich spritzen wird.Der absehbare Ruin hebt zwar das still leidende Herz von Romantikern, doch etwas fehlt.Im Projektraum zeigt er zudem eine große Fotoserie von tektonischen Verschiebungen der Erde und macht die Zeit zum Ereignis, nähert sich der gewaltigen Form wie ein Bildhauer einer Skulptur, fixiert die Wölbung in Bezug zur Umgebung und dokumentiert sukzessive die gefundene Skulptur, die in Jahrtausenden geformt wurde.

Der Brunnen wird verrotten.Eine Entgegensetzung wäre banal.Warum also die treppenartig ansteigenden Fontänen? neugerriemschneider ist Berlins einzige Privatgalerie mit Oberlicht; darauf lenkt der Brunnen den Blick.Der Himmel ist die Grenze.Und nachdem dieser Anspruch klar ist, kann man mit schwäbischer Untertreibung sagen: "business as usual, bloß ein bißchen anders".Die zweite Ausstellung zeigt Malerei von Franz Ackermann.Da sind Wände wieder alles.

Galerie neugerriemschneider, Linienstrasse 155, bis 25.September; Dienstag bis Samstag 11 bis 18 Uhr.

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