Kultur : Ist Sex zur Ersatzreligion für das Theater geworden, Herr Foreman, Herr Staniewski?

Herr Staniewski, Sie haben vor 22 Jahren Krakau verlassen und sich in das ostpolnische Dorf Gardzienice zurückgezogen, um dort Theater zu machen. Warum haben Sie der städtischen Kultur den Rücken gekehrt?



STANIEWSKI: Die Gründe für einen solchen Schritt sind immer die gleichen: Enttäuschung, Zorn, Protest. Unter dem kommunistischen Regime war das eine politische Geste, die Stadt und ihr kulturelles Milieu zu verlassen. Wir wurden zu Partisanen. Das war zum damaligen Zeitpunkt das Ende der Welt! Ich wollte ein neues Modell schaffen, das sich gegen den kulturellen Mainstream, aber auch gegen die sogenannte Avantgarde und den polnischen Underground wendete.



Ihr Konzept wird als Theater-Archäologie bezeichnet. Was bedeutet das?



STANIEWSKI: Ich war auf der Suche nach einem natürlichen Umfeld für das Theater. Das bedeutete zuallererst: sich ein anderes Publikum zu suchen. Wir befanden uns auf einem weißen Fleck der kulturellen Landkarte und wollten herausfinden, wie die ungebildete Landbevölkerung auf unsere Arbeit reagiert, in der wir ja durchaus einen experimentellen Ansatz verfolgten. In diesen vergessenen Orten sind die Menschen noch den alten Traditionen verbunden, ihre Alltagsrituale haben eine starke theatrale Komponente. Das hat mich inspiriert, das Modell einer neuen Theatersprache zu entwickeln.



Herr Foreman, betrachten Sie sich als ästhetischer Partisan? In welchem kulturellen Klima entsteht Ihre Arbeit?



FOREMAN: Ich arbeite in New York in einem Umfeld, in dem ich mich sehr unwohl fühle, eigentlich immer isoliert gefühlt habe. Aber selbst wenn ich mich als Außenseiter betrachte, nehme ich doch eine durch und durch amerikanische Position ein. Im Unterschied zu meinem Kollegen suche ich nicht nach einer neuen Basis für das Theater. Von Anfang an mochte ich das Theater und all das, was es repräsentiert, überhaupt nicht. Was mir am meisten mißfiel, war die Notwendigkeit, in einer Gruppe arbeiten zu müssen. Ich wollte als junger Künstler nur meine eigene Arbeit machen und verfolgte das perverse Programm, mich allen kommunitaristischen Ansätzen zu verweigern. Da ich mittlerweile seit 30 Jahren Theater mache, bin ich unweigerlich einer gewissen Korruption erlegen. Ich bin heute nicht mehr so polemisch und zornig gegenüber meinem Publikum. Ich stand oft davor, alles hinzuschmeißen. Vor allem mißtraue ich der künstlerischen Meisterschaft und suche nach Wegen, dem Streben nach Perfektion entgegenzuwirken. Mein Theater verfolgt also das anstößige Unternehmen, fortwährend "Nein!" zu sagen.



Ihre Arbeit basiert demnach auf dem Dilemma, daß Sie zwar an das Individuum glauben, aber im Theater mit einem Kollektiv arbeiten und sich auch an ein Kollektiv wenden müssen?



FOREMAN: Individuen sind für mich zerbrochene und fehlbare Mechanismen. Das Universum besteht aus Energien und Möglichkeiten, manchmal kannst du sie anzapfen, den Rest der Zeit fällst du auf die Nase. Mit meinen Schauspielern strebe ich nach einer Energie, die erfrischend ist - so erfrischend wie ein Glas Wasser, das dir jemand ins Gesicht schüttet.



Eine enorme Energie findet sich auch in Ihren Produktionen, Herr Staniewski, die hier in einer Kirche gezeigt werden. Sind Sie auf der Suche nach einem modernen Ritual?



STANIEWSKI: Berlin ist so skeptisch, ironisch und zynisch, daß ich fürchte, mißverstanden zu werden, wenn ich meine eigenen Begriffe verwende: Energie und Reinigung. Aber lassen Sie uns nicht von einem Ritual, sondern vom Theater als einer Handlung sprechen: Ich nutze die Energie, um den Zuschauer zu entzünden. Um ein Individuum zu erhellen, bedarf es der künstlerischen Meisterschaft.



FOREMAN: Das ist der wesentliche Unterschied zwischen uns. Ich betrachte mich lediglich als verkappten religiösen Autor. Ich kontrolliere alle meine Produktionen bis ins Detail, aber ich mißtraue dem zugleich. Auf spirituelle Energien stößt man nur in Momenten größter Verletzlichkeit. Ich habe deshalb versucht, eine artistische Form zu entwickeln, in die alles einfließt, was der Meister in mir verbannen würde.



In "Metamorphosis" wurde eine Hymne auf Eros angestimmt, in "Hotel Fuck" erwartet uns die "sexuelle Katastrophe". Ist Sexualität eine Ersatzreligion?



FOREMAN: Natürlich. Sie, Herr Staniewski, haben ja einmal bemerkt, daß in Amerika das Spirituelle durch die Psychoanalyse ersetzt wurde. Das setze ich in meiner Arbeit voraus.



STANIEWSKI: Dieses enorme Interesse an der Sexualität ist nicht allein ein Phänomen unseres dekadenten Zeitalters, es ist charakteristisch für Zeiten des Übergangs.



FOREMAN: In Amerika gibt es diesen starken Bezug zur Sexualität, weil die Amerikaner - wie alle Westler - von jeder anderen Form von Natur vollständig abgeschnitten sind. Im übrigen möchte ich betonen, daß mein Stück nicht von wundervollem Sex handelt, sondern ich zeige gerade den Mangel an Sex. So wie D. H. Lawrence über Sex gesagt hat: er findet im Kopf statt.



Glauben Sie an die Liebe?





FOREMAN: Na, klar doch! Nein, im Ernst: Woran ich glaube, ist sehr simpel. Ich betrachte Liebe als ein Epi-Phänomen, das sich aus der Sexualität entwickelt. Aber wir Menschen sind auf eine Weise eingerichtet, daß die Liebe vom Menschen als eine Art Unfall erlebt wird und ihn in Berührung mit etwas bringt, das über die Liebe hinaus geht. Aber es ist ein Unfall, daß wir lieben können.



Ist die Idee des Menschen als einer Hirn-Maschine, die denken und ein evolutionäres Programm erfüllen muß, nicht eine Provokation für einen Humanisten?



FOREMAN: Das dürfte der Grund sein, warum meine Arbeit von niemandem gemocht wird.



STANIEWSKI: Es liegt heute näher, sich über solche Maschinen als über die Liebe zu verständigen. Denn sie geben uns den nötigen Schutz und entbinden uns moralischer Verpflichtungen. Heute dominieren Zurückhaltung, Skeptizismus und Zynismus. Wenn ich zugeben müßte, daß es die Liebe ist, die meine Arbeit vorantreibt, müßte ich ja befürchten, von den intellektuellen Zirkeln verstoßen zu werden. In der Poesie wird die Herausforderung der Liebe angenommen.



Ihr Theater, Herr Staniewski, durchschreitet verschiedene Seinszustände, wie Trance, Ekstase und Wahnsinn. Auch Sie, Herr Foreman, proklamieren ein "ontologisch-hysterisches Theater".



FOREMAN: Woran ich am Ende wirklich interessiert bin, ist ein Zustand ästhetischer dionysischer Ekstase. Aber ich beharre darauf, den Höhepunkt zu erreichen, ohne auf mein schweres Gepäck verzichten zu müssen. Da ich es nicht einfach zurücklassen kann, muß ich es mit auf den Gipfel hinaufschleppen und ausprobieren, ob ich immer noch zur Ekstase gelange.



STANIEWSKI: Aus demselben Grund habe ich das Meisterwerk erwähnt, mit welchem wir in der Moderne bestehen können. Wenn wir starke Emotionen hervorrufen oder eine Schauspielerin einen hysterischen Zustand darstellen will, dann muß das auf eine extrem kontrollierte Weise geschehen.



FOREMAN: Wahrscheinlich besteht zwischen uns diese Differenz, weil mein Selbstverständnis als eine kaputte menschliche Existenz sich der späten Erfahrung verdankt, adoptiert worden zu sein. Ich habe das erst vor zehn oder fünfzehn Jahren erfahren. Doch ich möchte nicht, daß meine Schauspieler diesen Gefühlsraum betreten, um ein Modell oder Ikone abzugeben. Ich würde gerne denselben Intensitätsgrad erreichen, aber nicht über ein emphatisches Verhältnis der Menschen zueinander.



So verfolgen Sie beide eine Obsession. Bedeutet das auch, daß Sie ständig gegen einen Konsens anarbeiten müssen?



FOREMAN: Nein. Leidenschaft bedeutet für mich einfach nur, daß ich ständig denke: Irgend etwas stimmt hier nicht. Die Energie, die ich im Leben nicht finde, versuche ich in der Kunst freizusetzen.



STANIEWSKI: Ich glaube, wir sind uns doch nicht so fremd. Denn ich denke, daß es auf der Welt zuviel Asche, aber in dieser Wüste kleine leuchtende Funken gibt, die ich entfachen möchte, so daß sie heller strahlen.



FOREMAN: Sie folgen damit der kabbalistischen Tradition des Judentums, der Idee des göttlichen Funkens, der über die ganze Welt zerstreut wurde. Ich fühle mich diesem Programm ebenfalls sehr verbunden.



STANIEWSKI: Das ist schön. Ich wußte nicht, daß wir bereits ein Programm haben.



Sie sind eingeladen worden zum "Theater der Welt"-Festival. Gibt es ein Theater der Welt, ein Welttheater?



STANIEWSKI: Nun, ich habe mein eigenes kleines Modell von einem Theater entwiêkelt, ohne gegen das große Ganze aufbegehren zu wollen. Wer weiß, manchmal entsteht an den Rändern etwas, das für die anderen ebenfalls wichtig wird.



FOREMAN: Ich glaube, jeder Künstler des 20. Jahrhunderts muß sich auf das Marginale beschränken und darauf hoffen, daß von seiner Arbeit jenes kleine Übergewicht ausgeht, das die Balance des Systems zu Fall bringt. Wenn meine Schauspieler sich in große, bedeutsame Gesten flüchten, muß ich sie immer wieder daran erinnern, daß sie eine rigorose Minor Art machen - etwas Untergeordnetes. Das ist der beste Beitrag in einer kapitalistischen, multikulturellen Welt.



STANIEWSKI: Wir haben ein weiteres gemeinsames Projekt: ein Theater für kulturelle Minderheiten.

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