Kultur : Istanbul, die verlassene Braut

Der türkische Regisseur Özer Kiziltan setzt seiner Heimatstadt im PANORAMA mit „Takva“ ein Denkmal

Daniela Sannwald

Mauern, Zäune, Straßenbelag sieht der Büroangestellte Muharrem, wenn er mit gesenktem Blick, die Schultern hoch-, den Kopf eingezogen, seiner Wege geht. Istanbul besteht für ihn aus Hauswänden, die ihm den Blick versperren. Manchmal erlaubt ein offenes Tor eine unerwartete Durchsicht, zum Beispiel auf Schaufensterpuppen, die Damenwäsche vorführen. Dann zieht Muharrem seinen Kopf noch etwas weiter ein und hastet mit erhöhter Geschwindigkeit an ihnen vorbei. Morgens schließt er das Büro seines Chefs auf, eines Kaufmanns, der mit Säcken handelt. Muharrem hat dort nicht viel zu tun, er holt ihm Kaffee und Tee aus der benachbarten Teeküche, er empfängt Besucher, er fegt die winzigen Lagerräume aus.

Abends geht er heim, kocht sich eine bescheidene Mahlzeit, für die er Gott dankt, bevor er sie zu sich nimmt. Muharrem hat Grund, Gott dankbar zu sein, hat er doch einen guten Chef, der für ihn sorgt, eine schöne Wohnung, die ihm seine Eltern hinterlassen haben, und die Glaubensbrüder in dem Orden, dem er als weltliches Mitglied angehört. Häufig geht er in die Gottesdienste, um mit ihnen gemeinsam den Herrn zu preisen. Muharrem ist ein frommer Mann, der zufrieden ist mit seinem Leben und findet, dass es die zwanzig, dreißig Jahre, die ihm vielleicht noch bleiben, ruhig so weitergehen kann. Zu schaffen macht ihm allenfalls, dass gelegentlich eine lebendig gewordene Schaufensterpuppe in seinen Träumen auftaucht und ihn zu wilden Ausschweifungen verführt. Dann steht er mitten in der Nacht auf, wäscht und schämt sich.

Das Oberhaupt des Ordens und sein Adlatus, Bruder Rauf, haben diesen beflissenen Diener Gottes seit langem beobachtet und Gefallen an ihm gefunden. Er scheint ihnen vertrauenswürdig genug, um ihn mit einer nicht einfachen Aufgabe zu betrauen: Er soll die Mieten für die im Besitz des Ordens befindlichen Wohnungen kassieren. Muharrem glaubt, dass er der Aufgabe nicht gewachsen ist. Aber, beruhigen ihn die Ordensbrüder, mit Gottes Hilfe werde er es schaffen. Mit sanfter Gewalt wird sein Umzug in den Orden veranlasst, man verpasst ihm neue Anzüge, ein Handy und ein Auto mit Chauffeur. Und dann lernt Muharrem, dass man einem Raki-Trinker, der regelmäßig bezahlt, als Mieter den Vorzug gibt vor einer Frau mit Kindern und krankem Mann, die das Geld gerade nicht aufbringen kann. Muharrem versteht die Welt nicht mehr. Das, was er bisher für gottgefällig hielt, scheint keine Gültigkeit mehr zu besitzen, und doch arbeitet er jetzt im Auftrag Gottes. Gleichzeitig wird ihm von allen Seiten zunehmend Respekt gezollt, während er in immer stärkere innere Widersprüche gerät. Sein Zusammenbruch ist eine Frage der Zeit.

Özer Kiziltan erzählt mit „Takva“ eine universelle Geschichte. „Solche Strukturen wie in diesem Orden findet man in allen fundamentalistischen Vereinigungen“, sagt er. „Das kann genauso gut eine christliche Sekte wie eine politische Vereinigung sein.“ Eigentlich fasziniert ist er aber davon, dass diese Ordensgemeinschaften in ähnlicher Form seit Jahrhunderten bestehen. „Mit der Eroberung Istanbuls durch die Osmanen 1453 haben sich um die Moscheen herum Wohnviertel mit eigener Wirtschaftsstruktur etabliert, mit Krankenhaus, Schule und vielen kleinen Läden, genau so wie um die christlichen und jüdischen Gotteshäuser herum. Das waren geschlossene wirtschaftliche Strukturen, die zum Teil bis heute erhalten geblieben sind. Wir haben seit fast 600 Jahren solche Mikrogemeinschaften von Muslimen, die nicht wirklich das Bedürfnis haben, sich zu entwickeln, sondern in dieser Geschlossenheit weiter funktionieren.“

In fünfjähriger Vorbereitungszeit auf den Film haben Kiziltan und sein Drehbuchautor Önder Cakar nicht nur Hunderte von Büchern gelesen, sondern auch Gemälde analysiert, um die Lichtverhältnisse innerhalb der Ordensburg rekonstruieren zu können und möglichst viel natürliches Licht zu nutzen. Es ist ihnen gelungen, eine trübe, geheimnisvolle Stimmung zu erzeugen, die nichts mit dem Istanbul-Bild zu tun hat, das etwa der Produzent des Films, Fatih Akin, in seiner quirligen Musikdokumentation „Crossing the Bridge“ zeigte. In „Takva“ hängt eine graue Wolkendecke über der Stadt, es regnet ständig, als ob der Himmel dazu beitragen wollte, Muharrem reinzuwaschen. „Nun ja“, sagt Kiziltan lächelnd, „Istanbul hat viele verschiedene Gesichter, es ist eine verlebte Schlampe, die schon von tausend Männern verlassen worden ist, wie der Fin-de-Siècle-Dichter Tevfik Fikret das beschrieben hat.“

„Takva“ ist der erste Kinofilm von Özer Kiziltan. Der Regisseur, 1963 in Istanbul geboren, hat ein Jurastudium abgeschlossen und nach seiner Ausbildung an der Filmfakultät der Mimar Sinan Universität zunächst Fernsehserien inszeniert. In der Türkei wurde „Takva“ gleich ein Kassenerfolg. Gab es kritische Reaktionen aus muslimischen Kreisen? „Kaum“, sagt Kiziltan, „was mich mehr gewundert hat, war, dass die Kritik aus dem säkularen Lager so gespalten war. Die einen fanden ,Takva’ gut, weil er endlich mal mit den religiösen Fanatikern hart ins Gericht gehe, die anderen fanden, dass er die Religion verherrliche.“

Und was hält er von den neuen türkischen Nationalisten, aus deren Kreisen etwa Orhan Pamuk wegen unliebsamer Äußerungen Morddrohungen erhielt? „Man muss sich vor jeder Art von Nationalismus fürchten“, sagt Kiziltan. „Als ich hergeflogen bin, habe ich aus der Luft keine Landesgrenzen gesehen.“ Kann er sich vorstellen, durch seine Arbeit den Zorn der Extremisten auf sich zu ziehen, muss er Angst haben? Die Antwort von Özer Kiziltan fällt knapp aus: „Kunst erfordert Mut.“

Heute 19 Uhr (Zoo-Palast), 13.2., 11 Uhr (Cinemaxx 7), 17.2., 19 Uhr (Zoo-Palast)

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