Kultur : Italien auf dem Dach

JÜRGEN TIETZ

Nach jahrzehntelangem Dornröschenschlaf regt sich im Diplomatenviertel am Rand des Tiergartens neues Leben.Unter der Regie von Albert Speer seit 1937 bebaut, verfielen die vom Krieg übrig gelassenen Reste des Viertels mit seinen eindrucksvollen Botschaftsbauten zunehmend.Es entstand eine Stadtlandschaft zwischen Poesie und Schrecken, wie sie Raffael Rheinsberg in seinem Projekt "Botschaften - Archäologie eines Krieges" zu Beginn der achtziger Jahre nachdrücklich einfing.Doch inzwischen wächst zwischen Potsdamer Platz und City-West ein neuer städtischer Riegel empor, in dem nicht nur die lange verwaisten ausländischen Botschaften reaktiviert werden.Zwischen ihnen siedeln sich auch einige Berliner Vertretungen von parteinahen Stiftungen an.Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung wird ihren Neubau (Entwurf: Novotny, Mähner & Weber) an der Hiroshima-Straße voraussichtlich 1999 beziehen.Der Neubau der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung an der Kreuzung Klingelhöfer- / Tiergartenstraße dagegen ist als erstes Gebäude des neuen Tiergartenviertels bereits fertiggestellt.Seine Baukosten betrugen rund 24 Millionen DM.

Um es vorwegzunehmen: Der von Thomas van den Valentyn (Köln) entworfene Bau setzt hohe Maßstäbe für die anderen Bauten des Viertels.Von der Klingelhöferstraße aus wirkt der Baukörper auf den ersten Blick fast spröde, abweisend.Die glatten Werksteinflächen aus gelblich schimmerndem römischen Travertin sind zwar reizvoll, doch sie gehören nicht gerade zu den innovativen Baumaterialien des neuen Berlins.Dafür binden sie den Bau angemessen in die steinerne Umgebung des historischen Diplomatenviertels ein.Trotz der Verwendung des Travertin versteht es van den Valentyn, die monumentale Geste der benachbarten Botschaftsbauten aufzuheben.Ursache dafür ist, daß an Stelle der sattsam bekannten Lochfassaden bei der Adenauer-Stiftung die Fensterflächen ein graphisches Muster in die Fassade zeichnen: Ein senkrechtes und ein horizontales Fensterband, hinter denen sich ein Treppenhaus bzw.das Foyer des Obergeschosses verbergen, schaffen einen ersten spannungsvollen Eindruck.Mit dem gläsernen Attikageschoß, das die 25 Büros der Stiftung beherbergt, löst sich der steinerne Bau zudem nach oben hin auf und verliert an Schwere.

An der südlichen Gebäudeecke weckt eine große Glasfläche im Erdgeschoß besonderes Interesse.Terrasse und Treppe leiten dort zum Vorgarten - einem quasi öffentlichen Bereich - über.Zukünftig sollen Passanten die gläsernen Öffnungen als Einladung in das Café der Stiftung wahrnehmen.Damit wird zugleich das Anliegen der Konrad-Adenauer-Stiftung formuliert, ein offenes Haus zu schaffen, ein Diskussionsforum, auch außerhalb des umfangreichen eigenen Veranstaltungsprogrammes, das ab August das Haus mit Leben füllen wird.

Der Hauptzugang zur Stiftung erfolgt über die Tiergartenstraße.In das helle Foyer schiebt sich bauchig der zentrale Zylinder des doppelgeschossigen Vortragssaales, das Herzstück des Gebäudes.Seine hufeisenförmig angeordneten zweihundert Sitzplätze wecken, ähnlich wie der Konzertsaal, den van den Valentyn für das Weimarer Musikgymnasium 1995 / 96 geschaffen hat, die Erinnerungen an antike Auditorien.Hinzu kommt der reizvolle Materialkontrast zwischen dem hellen Ahornholz der Bänke und der Kassettendecke in Sichtbeton.

Dieser Kontrast zieht sich als eines der Leitmotive durch den gesamten Bau.Farbe wird nur zurückhaltend, aber pointiert eingesetzt: ein dunkles Blau und Rostrot.Dazu viel leuchtendes Weiß und die porös wirkende Struktur des Betons.In den von großen Fensterflächen beleuchteten Veranstaltungsräumen des Erdgeschosses wird der Beton an Wänden und Decken auf fast ironische Weise durch die leuchtend hellen italienischen Natursteinböden zusätzlich nobilitiert.

Das zweite Leitmotiv des rechteckigen Baukörpers bilden die eingestellten zylindrischen Volumina.Neben dem runden Vortragssaal beherbergt ein über alle Geschosse bis zur Dachlandschaft laufender, ineinandergeschobener Doppelzylinder aus Beton Fahrstuhl und Teeküchen.Eine verwandte - durch das unterschiedliche Material zugleich auch ganz andere - Form findet sich mit den gläsernen Doppelkegeln, die als ausdrucksvoller Auftakt zum Kölner "Victoria Ensemble" van den Valentyns von 1990-96 dienen.

Auf dem Dach entfaltet sich eine fast südlich anmutende Landschaft.Von einem patioartigen Innenhof, zu dem sich die Fenster der Büros öffnen, gelangt man über eine geschwungene Rampe auf das eigentliche Dach, das sich als eine kubistisch abstrakte Komposition gibt, die von den - nun weiß verputzten - Körpern des Doppelzylinders beherrscht wird.

Die ruhigen, aber nie langweiligen Formen van den Valentyns, die durch spannungsreiche Material- und Farbkontraste zugespitzt werden, gewinnen eine fast klassische Qualität.Hinzu kommen die optimale Raumausnutzung, die gelungene Einbettung des Gebäudes in seine Umgebung und die reizvollen optischen Bezüge, die sich auch aus dem Gebäude heraus in den nahen Tiergarten schaffen lassen und die den Neubau der Konrad-Adenauer-Stiftung zum verheißungsvollen Auftakt des neuen Tiergartenviertels machen.

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