Italien-Festival : Spiel dir das Lied vom Tod

Beim Italien-Festival in Berlin gastiert Roberto Savianos "Gomorrha". Den Kontrast lieferte Goldoni – mit Kinostar Toni Servillo.

Peter von Becker
Di_Leva
Ohne Worte. Francesco Di Leva und Adriano Pantaleo. -Foto: Marco Ghidelli

Das ist kein normaler Theaterabend in der Berliner Volksbühne, weil es ums Theater am wenigsten geht. Sondern um das Leben eines Autors – und um tausendfachen Mord und Tod. Auf die grauschwarze offene Szene tritt als erster der römische Philosoph und Politologe Angelo Bolaffi, seit 2007 Leiter des Italienischen Kulturinstituts in Berlin, und verliest einen kurzen Text. Bolaffi erinnert daran, dass man nach dem Dioxin-Giftskandal vor drei Jahrzehnten im oberitalienischen Seveso gesagt habe, „Seveso ist überall“. Heute aber, da die Mafia ihr Gift weit über Italien hinaus in ganz Europa verbreite, müsse man wohl ausrufen: „Wir alle sind Roberto Saviano!“

Im Rahmen des „Italienischen Theaterherbsts 2008“ hatte das Kulturinstitut die neapolitanische Bühnenfassung von Roberto Savianos Camorra-Enthüllungsbuch „Gomorrha“ nach Berlin eingeladen. Und das Gastspiel fiel zusammen mit den jüngst aufgedeckten Plänen eines Camorra-Clans, den 29-jährigen Saviano, der seit über zwei Jahren zwischen Neapel und Rom streng bewacht im Untergrund leben muss, noch vor Weihnachten bei einem Sprengstoffattentat umzubringen. Inzwischen haben sich prominente Schriftsteller von Günter Grass bis Umberto Eco, ebenso wie hunderttausende Unterzeichner eines Manifests, mit dem bedrängten Autor solidarisiert und sogar das lange widerstrebende Nobelpreiskomitee lädt Saviano und Salman Rushdie im Dezember nach Stockholm ein. Selbst die nach einem Konzert für Saviano in Italien einem Herzinfarkt erlegene 76-jährige Sängerin Miriam Makeba wurde jetzt in Berlin noch in allem Überschwang als „Opfer der Camorra“ gewürdigt.

Direkt ans Gemüt rühren und ins Herz der neapolitanisch-kampanischen Finsternis führen sollte dann die „Gomorrha“-Version, die Saviano 2007 zusammen mit dem Regisseur Mario Gelardi für seine Freunde im Teatro Mercadante in Neapel geschrieben hat. Doch kann ein Zweistundenspiel nur ein blasser Abglanz sein von dem düsteren Reichtum eines 400-Seiten-Buchs über den monströsen kriminellen Komplex der Camorra, die mit Drogen, Giftmüll, Erpressung, Prostitution, Korruption und Geldwäsche allein in Italien über 100 Milliarden Euro im Jahr bewegt.

Vor der angedeuteten Kulisse einer Rohbaustelle mit Säcken voll Zement, aus dem Gold werden kann oder ein festes Grab, hält der Schauspieler Ivan Castiglione als Savianos Alter Ego Roberto (im neapolitanischen Dialekt „Robbè“) eine imaginäre Rede auf einer Piazza bei Neapel. Und spricht all die Schweinereien der Camorristi an, auch die 3700 Ermordeten seit 1979, seit Savianos Geburtsjahr: „Das sind mehr Tote, als sie die IRA, die baskische Eta, die Roten Brigaden oder die RAF zusammen auf dem Gewissen haben.“ Trotzdem hat man die Camorra lange Zeit nur für ein lokal-regionales Phänomen gehalten, und die Zivilgesellschaft habe sich – anders als gegen die Cosa Nostra auf Sizilien – in Neapel und der Provinz Kampanien kaum zur Wehr gesetzt.

Dies zu ändern hat sicher keiner mehr bewirkt als der vor zwei Jahren noch völlig unbekannte Journalist Roberto Saviano mit seinem Weltbestseller „Gomorrha“. Davon haben auch die 800 Zuschauer der vollbesetzten Volksbühne noch einen Hauch erfahren. Auch wenn der schärfere Wind aus dem originalen Buch weht und der starken, jetzt für den Oscar und den Europäischen Filmpreis nominierten Kinoversion. Die sechs vor allem körperlich beeindruckenden Akteure des Teatro Mercadante können da in kurzen Dealer-, Gewaltballett- oder Zweiergesprächsszenen nur eher konventionell engagiertes Lehrstücktheater bieten. Mit viel guter, schlimmer Botschaft.

Eine ganz andere Botschaft brachte zu Beginn des italienischen Festivals das Gastspiel des Mailänder Piccolo Teatro mit Goldonis „Trilogie der Ferienzeit“: ein Stück perfekt musealer Commedia dell’Arte, aber von wunderbaren Typen mit einer im deutschen Theater längst verloren gegangenen Grazie gespielt. Das wurde als Kontrast im zwei Abende überfüllten Berliner Ensemble bejubelt – auch als Dank an den Regisseur und Hauptdarsteller Toni Servillo. Anders als Roberto Benigni ist er ein minimalistischer Komiker, ein heiterer Buster Keaton. Und für seine maliziöse Müllmanagerrolle im „Gomorrha“-Film ist der Neapolitaner Servillo nun gleichfalls ein heißer Kandidat für Europas Filmpreis.

Das Festival läuft bis zum 26. November, Infos: www.teatrotheater.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar