Italien : Getöse statt Glamour

Roms rechter Bürgermeister Gianni Alemanno wettert gegen die Kultur, ändert aber wenig. Die Bilanz nach hundert Tagen im Amt: Politik wird durch Getöse ersetzt.

Paul Kreiner

Als Gianni Alemanno am 28. April zum Bürgermeister Roms gewählt wurde, da lief es vielen kalt den Rücken runter. Zur Siegesfeier auf dem Kapitol erschien ein Trupp von Alemannos einstigen Kampfgefährten: Neofaschisten. Sie reckten den Arm zum „Römischen Gruß“, schwenkten Fahnen mit dem „Keltenkreuz“, dem italienischen Pendant zum Hakenkreuz, und brüllten rechte Parolen. Zwei Generationen nach Benito Mussolini und nach fast zwanzig Jahren linker Stadtregierung triumphierte in Rom erneut der Faschismus. So jedenfalls schien es.

Inzwischen werden die Bilanzen von Alemannos ersten hundert Tagen im Amt gezogen. Ihr gemeinsamer Nenner: Eine Rückkehr des Faschismus ist nicht zu erwarten. Denn Alemannos Mannschaft hat keine eigenen Perspektiven für den angekündigten „Wandel“. Sie ersetzt Politik durch Getöse. So versuchte Alemanno, eine Straße in Rom nach Giorgio Almirante zu benennen. Dieser war von 1938 bis 1942 Mitherausgeber der Parteizeitung „Die Verteidigung der Rasse“ und schrieb antisemitische Hetzartikel. „Wir haben alle großen Respekt vor Almirante“, verkündete Alemanno. Dann widersprach er vor wenigen Tagen ausgerechnet dem eigenen Parteichef Gianfranco Fini, der den Faschismus als das „absolute Böse“ bezeichnet hatte. Das absolute Böse seien die Rassengesetze gewesen, so Alemanno, mit denen der Faschismus sein eigenes Ende verursacht habe: „Das war ein Nachgeben gegenüber dem Nazitum.“ Mit der Unterscheidung in „böse“ deutsche Nazis und „gute“ italienische Faschisten brachte Alemanno seinen Vorgänger, den linken Walter Veltroni, auf die Palme. Er trat aus der Kommission aus, die den Bau eine Holocaust-Museums in Rom dirigieren soll.

Was aber praktische Kulturpolitik angeht, verhält Alemanno sich bisher eher zahm. Das Einschneidendste, das seine Regierung unternommen hat, ist die Streichung der „Weißen Nacht“, die seit einigen „linken“ Jahren jeden September gefeiert wird. Es ist eine fröhliche Ballung von Konzerten, musealen und gastronomischen Events, zu denen im vergangenen Jahr 2,5 Millionen Menschen in die Innenstadt strömten. Die „Notte Bianca“ ist der neuen Stadtregierung zu teuer, sie fällt dieses Jahr aus. Umberto Croppi, der neue Kulturassessor, sagte, das Ganze sei „ja keine Kultur, sondern Unterhaltung“ – um hinzuzufügen, der Sache nach werde es das alles auch in Zukunft geben, aber „nicht auf eine einzige Nacht konzentriert, sondern übers Jahr verteilt“. Eine grundsätzliche Abkehr von jener glitzernden Event-Kultur, welche die Rechten an Veltroni immer kritisierten, scheint also nicht geplant.

Ähnlich verhält es sich mit dem römischen Kinofestival, das der Cineast Veltroni eingeführt hat – in Konkurrenz zu Venedig. An so viel Glanz, Glamour und Spesen störten sich die Rechten seinerzeit, Alemanno versprach „weniger Hollywood, weniger Diven und mehr national-italienische Bodenständigkeit“. Chef des Festivals sollte der Regisseur Pasquale Squitieri werden, der weniger für seine Arbeiten als vielmehr für seine Lebenspartnerschaft mit Claudia Cardinale bekannt ist. Doch dann ging ein Aufschrei der Entrüstung durch die Szene, und Squitieri sah sich vor die Tür gesetzt. Statt seiner berief Alemanno den fast 87-jährigen Gian Luigi Rondi, den Doyen der italienischen Kinokritik und Leiter zahlloser Filmfestivals. Als Rondi nach seinen Plänen befragt wurde, strich er als Erstes die Kontinuität mit dem bisherigen Festival heraus.

Bemerkenswert ist auch, dass Alemanno den Erhalt des Museums durchsetzte, das dem Widerstand der Italiener gegen die deutschen Besatzungstruppen gewidmet ist. Die Regierung Berlusconi hatte zuvor angekündigt, das Museum und andere „unnütze Einrichtungen“ zu schließen. Freilich wies Alemanno pflichtschuldig darauf hin, dass „der Widerstand gegen die Nazis nicht nur von Linken, sondern auch von Rechten und extrem Rechten getragen“ worden sei.

Berührungsängste hat der 50-Jährige keine. Wenige Tage vor der entscheidenden Stichwahl besuchte er die größte Moschee der Stadt, danach traf er sich mit der jüdischen Gemeinde. Beiden sicherte er zu, sie dürften in Rom selbstverständlich weitere Gebetshäuser bauen. Zur Reform der Stadtpolitik berief er eine unabhängige Beraterkommission. Ihr Chef ist der frühere linke Ministerpräsident und Innenminister Giuliano Amato.

So schwelt zwischen links und rechts derzeit nur der Architekturstreit. Zu Oppositionszeiten hatten sich Alemannos Parteigänger fürchterlich aufgeregt über das postmoderne Augustus-Museum des amerikanischen Architekten Richard Meier. Das von den Linken angestoßene und 2006 eingeweihte Bauwerk war seit Mussolini der erste Versuch, aktuelle Architektur in Roms historische Innenstadt zu pflanzen. Meier umhüllte die „Ara Pacis“, den Friedens- und Selbstdarstellungsaltar des antiken Kaisers Augustus, mit einem strahlend kalt-weißen Gebäude – in Kontrast zu einer Stadt, die sonst in warme Ockertöne getaucht ist. Kritiker fühlten sich an eine „Tankstelle in Texas“ erinnert, und Alemanno versprach im Wahlkampf, dieses „Schand-Ding“ abzureißen.

Jetzt wollen seine Freunde Taten sehen – doch plötzlich sagt Alemanno mit Verweis auf das „von den Linken ererbte Milliardendefizit“, für einen Abriss habe die Stadt kein Geld. So ist derzeit offen, wie es mit der „Ara Pacis“ weitergeht. Zuletzt schienen sich Bürgermeister und Kulturministerium darauf geeinigt zu haben, wenigstens Meiers weit vorgezogene Lärmschutzmauer ein kleines Stück abzubauen. „Das wäre ein Signal, dass das Blatt sich gewendet hat“, sagt Berlusconis Kulturstaatssekretär Francesco Giro. Nun ja – eine mindestens gewagte These.

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