Kultur : Italienisch für Fortgeschrittene

Mit Renato Palumbo, dem künftigen Musikchef der Deutschen Oper, ist die Berliner Orchesterszene nun komplett neu aufgestellt

Frederik Hanssen

In den Kreis der 130 „Großen Dirigenten unserer Zeit“ hat er es noch nicht geschafft. Renato Palumbos Name fehlt in dem Kapellmeister-Lexikon, das Julia Spinola gerade im Henschel-Verlag herausgebracht hat. Auch wenn der 42-jährige neue Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin schon in den entlegensten Winkeln der Welt den Taktstock gehoben hat, ist er im internationalen Klassikbusiness noch ein relativ unbeschriebenes Blatt.

Nach seinem Debüt mit Verdis „Trovatore“ im zarten Alter von 19 Jahren war ihm kein Weg zu weit, um Karriere zu machen: Er nahm Engagements in Istanbul, im fernen Kapstadt und im noch ferneren Macao an. In seiner Heimat machte der Maestro aus dem Veneto zunächst mit Repertoire-Raritäten auf sich aufmerksam, beim Spezialistenfestival im süditalienischen Martina Franca und im innovativsten Opernhaus des Landes in Cagliari auf Sardinien, bevor die größeren Theater ihn regelmäßig für Neuproduktionen verpflichteten. Seit drei Jahren probieren ihn auch die berühmtesten Häuser wie die Scala in Mailand oder die Wiener Staatsoper als Gastdirigent aus. Im Februar wird er eine Aufführungsserie des alten Savary-„Rigoletto“ an der Pariser Oper leiten.

Als ihm die Intendantin der Deutschen Oper Berlin den Posten des Generalmusikdirektors anbot, sagte er darum erst einmal: no, grazie. Sicher, er war recht erfolgreich für Christian Thielemann eingesprungen, hatte nach dessen abrupten Abgang die Neuproduktion der „Manon Lescaut“ übernommen – doch durfte er sich darum gleich die Nachfolge des bedeutendsten deutschen Kapellmeisters zutrauen? Viermal musste la signora Harms noch bei Palumbo anklingeln, bis er schließlich Ja sagte. Gestern unterschrieb er einen Vertrag von Herbst 2006 bis Sommer 2011, der eine sechsmonatige Präsenz an seinem neuen Haus vorsieht. Kultur-Staatssekretärin Barbara Kisseler sprach von einem „kongenialen Partner“ für die ebenfalls bis 2011 verpflichtete Intendantin. Und Kirsten Harms freute sich auf die Zusammenarbeit mit dem „authentischen Musiker, der so einen faszinierenden Klangsinn hat und so viel und theatralisches Talent“.

Der neue Maestro selber präsentierte sich als ernsthafter, bedächtiger Norditaliener, selbstbewusst, aber ohne Eitelkeit. Ganz preußisch-tugendhaft sprach er von den Pflichten des Musikchefs dem Haus gegenüber und von der „tiefen Seele“, die er beim Orchester der Deutschen Oper entdeckt habe. An jene gerichtet, die ihn als zu leichtgewichtig für den schweren Job ansehen, betonte Palumbo, es sei in seinem eigenen Interesse, Gastdirigenten an die Deutsche Oper zu holen, „die berühmter sind als ich“.

Mit der mutigen Entscheidung für Renato Palumbo hat Kirsten Harms den gordischen Knoten des Berliner Opernkonkurrenzkampfes durchschlagen. Christian Thielemann und Daniel Barenboim hatten sich stets wie Angela Merkel und Gerhard Schröder gegenüber gestanden: Beide reklamierten das Recht auf Richard Wagner für sich, also auf die Bundeskanzlerklasse der Klassik. Obwohl Palumbo gestern erklärte, er wolle auch deutsches Repertoire dirigieren, werden sich die Wagnerianer künftig Unter den Linden treffen, mag das Haus unter akustischen Gesichtspunkten auch ungeeignet sein. Durch ihren Mozart-Zyklus, den im November Peter Konwitschny mit „Così fan tutte“ fortsetzen wird, hat sich die Komische Oper langfristig dieses Repertoire-Segment gesichert. Ganz im Sinne der Profilierung innerhalb der Stiftung könnte sich die Deutsche Oper also zur Berliner Scala entwickeln – ja, wenn, alles gut geht, sich unter Palumbos Leitung gar den Ehrentitel „La Fenice“ erwerben: ein Phönix, aufgestiegen aus der Asche einer Götterdämmerung.

Die Charlottenburger Personalie hat aber auch Symbolwert für die ganze Stadt: Mit dem Turnaround zur dolce vita an der Bismarckstraße sind jetzt alle Berliner Orchester für die Zukunft aufgestellt: Simon Rattle und die Philharmoniker machen schon mal vor, wie das Orchester des 21. Jahrhunderts aussieht und klingt, Daniel Barenboim und seine Staatskapelle haben als Lordsiegelbewahrer deutscher Klangtradition den ästhetischen Gegenpol besetzt. Eher barenboimseitig ist Marek Janowski zu finden, der sensible, nur der Kunst verpflichtete Partiturdeuter, der sein stilles Glück mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester gerade bis 2011 verlängert hat. Die Fraktion der Progressiven dagegen bekommt gleich doppelt Zuwachs durch Ingo Metzmacher, der 2007 die Nachfolge von Kent Nagano beim Deutschen Symphonie-Orchester antritt, sowie Lothar Zagrosek, der schon im Herbst 2006 Eliahu Inbal beim Berliner Sinfonie-Orchester am Gendarmenmarkt ersetzt.

Für Renato Palumbo bleibt da viel Raum, sich als sinnenfroher uomo di teatro zu profilieren, zumal sich sein Konkurrent an der Komischen Oper, Kirill Petrenko, mehr für Mozart und die russischen Komponisten interessiert als für Verdi und Co. Den 20-jährigen Petrenko aus Meiningen abzuwerben, war übrigens 2002 eine mindestens ebenso mutige Entscheidung wie jetzt die Verpflichtung des vielversprechenden Italieners an die Deutsche Oper. Petrenko hat sich für das Vertrauen mit exzellenter künstlerischer Arbeit bedankt. Wenn das Berliner Engagement des jungen Russen im Sommer 2007 endet, dürfte sich seine internationale Karriere explosionsartig entwickeln. Im neuen Dirigenten-Lexikon ist Kirill Petrenko übrigens jetzt schon zu finden.

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