Kultur : Italienische Botschaft

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Bernhard Schulz über den

Umgang mit Architektur und Zeitgeschichte

„Trostlos, spärlich, gräuslich“, nannte der Volksmund die Architektur der Nazis – lautmalerisch gebildet nach den Namen der Protagonisten Paul Ludwig Troost, Albert Speer und Wilhelm Kreis. Troost starb früh; Speers Pläne blieben (zum Glück) nahezu vollständig unausgeführt, und Kreis, ein konservativer Baumeister der Weimarer Zeit, kämpfte um ’33 bereits gegen den Ruhestand. Was zur Zeit des Dritten Reichs in Berlin gebaut wurde und in einem bemerkenswerten Ausmaß erhalten blieb, trägt das Signum „NaziArchitektur“ zu Recht nur der Bauzeit nach. Dem Stil folgend, hätten die allermeisten Beobachter ihre liebe Not, die Bauten der Weimarer Republik, der Nazi-Zeit oder, im Osten Deutschlands, womöglich gar der Nachkriegszeit zuzuordnen.

Der Umgang mit den vermeintlich belasteten Bauten der braunen Jahre hat sich im zurückliegenden Jahrzehnt merklich entspannt. Niemand kommt mehr auf den Gedanken, die gestern feierlich wiedereröffnete Italienische Botschaft am Tiergartenrand als Ausgeburt des Nazi-Wahns zu schmähen. Es wäre auch grotesk. Modelliert hat sie ihr ursprünglicher Architekt Friedrich Hetzelt 1941 nach dem Vorbild eines seinerseits epigonalen römischen Palazzo, ergänzt um Zutaten aus der Baukunst der italienischen Hochrenaissance – ein akademisches Vorgehen par excellence, nach 1900 gänzlich außer Mode geraten, doch in einer langen, dominierenden Tradition stehend.

Nun ist der im Krieg beschädigte, auf Grund seines diplomatischen Status dornröschenhaft durch die Zeiten gekommene Bau restauriert und renoviert worden – zauberhaft müsste man die Vorgehensweise des unlängst verstorbenen Architekten Vittorio de Feo nennen, würde es sich nicht gerade um ein solches Bauwerk handeln. Hell und allem Säulenpomp zum Trotz geradezu heiter präsentiert sich das Gebäude, und keinen Zweifel gibt es, dass es nicht nur die Botschaft Italiens würdig beherbergen, sondern selbst eine italienische Botschaft aussenden wird.

Denn schon gar keinen Zweifel gibt es auf italienischer Seite. Italien beherbergt Zeugnisse der Mussolini-Zeit zuhauf, ob es sich um Behörden, Postämter oder Bahnhöfe handelt, ob um symmetrische Platzanlagen wie in den Bürgerstädten Oberitaliens oder in ganzen Neustädten wie im Latium. In Rom wurden die für die (kriegshalber ausgefallenen) Olympischen Spiele 1940 errichteten Bauten zwanzig Jahre später zweckentsprechend genutzt, und niemand nahm bis heute Anstoß, dass sich mitten zwischen den Universitätsbauten des Foro Italico ein Obelisk mit dem Schriftzug „Mussolini Dux“ erhebt. Italien bleibt da entspannt –nicht nur wegen der auf unvergleichlich weiter gespanntem Geschichtsbewusstsein gegründeten Haltung gegenüber dem historischen Erbe, sondern natürlich auch, weil die Bauten des Mussolini-Regimes durchweg charaktervoller ausfielen als die dröhnenden Herrschaftsbunker des transalpinen Achsenpartners: bis hin zu Leistungen von Weltrang wie den Staatsbauten Giuseppe Terragnis in Como.

In einem größeren Zusammenhang zeigt sich denn auch, dass die Bauten der Nazi-Zeit nichts weiter sind als die vergröberte Fassung eines internationalen Stils – der konservativen, im weitesten Sinne neoklassischen Architektur der dreißiger Jahre. Sie fand überall Anklang, ob im Frankreich der Dritten Republik, im Großbritannien der verwelkenden Kolonialmacht, ob in den USA der New Deal-Ära oder – fantastisch aufgeputzt – in der Sowjetunion Stalins. Symmetrie, Dekor, Säulenordnungen, alles war auf Monumentalität gerichtet in einer Zeit, deren gesellschaftliche und wirtschaftliche Grundlagen bröckelten und brachen. Die „weiße Moderne“ von Bauhaus und Le Corbusier, die uns heute als bleibender Ausdruck der Zwischenkriegszeit erscheinen will, war nichts als eine leise Dissonanz in diesem übermächtigen Chor der Ordnung.

Wir können heute gelassener mit den baulichen Zeugen der Vergangenheit umgehen. Seit im Zuge der Berliner Hauptstadtwerdung Großbauten der dreißiger Jahre für Regierungszwecke sorgsam hergerichtet wurden, ob ehemalige Reichsbank oder Reichsluftfahrtministerium, ist der Druck auf die Architektur gewichen, stellvertretend Vergangenheit zu bewältigen. Was in der Italienischen Botschaft vorgeht, bestimmen die Heutigen – nicht die Schatten der Vergangenheit.

So weit wie die Japaner muss man ja nicht gehen: Die ließen die baufällig gewordene Berliner Botschaft, einen Nachbarn Italiens, Mitte der achtziger Jahre abreißen und originalgetreu wiedererrichten. Aus dem in Japan traditionellen Respekt vor der Geschichte.

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