Italienische Renaissance : Das Jetzt, das bleibt

„Gemälde und Drama“: Der Berliner Theatermann Ivan Nagel liest die italienische Renaissance neu.

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Bühne des Lebens. Masaccios „Zinsgroschen“ in der Brancacci-Kapelle in Florenz, gemalt 1428, erzählt mehrere Momente in einem. Und...229 (Q

Was erzählt Masaccios „Zinsgroschen“, eines der berühmtesten Gemälde der Kunstgeschichte, diese in eine weite Gebirgslandschaft eingebettete Straßenszene, in deren Mitte sich eine Gruppe erregter Menschen befindet? Eine wenig bekannte, auch nicht sonderlich aufregende Geschichte aus dem MatthäusEvangelium: Jesus kommt in das Fischerdorf Kapernaum, wird dort von Zöllnern angehalten, ob er denn den Wegzoll zu entrichten gedenke? Die Jünger sind empört ob der Zumutung. Doch Jesus beauftragt Petrus, zum See zu gehen und mit der Angel einen Fisch zu fangen. Der werde im Maul einen Taler tragen, welcher zur Entrichtung des Zolls genüge.

Masaccio, der geniale Raumerfinder der italienischen Frührenaissance, hat in dem Fresko in der Florentiner Brancacci-Kapelle daraus eine aufregende Erzählung quasi in Cinemascope gemacht, ein extremes Breitformat mit einer Gruppe von Bürgern, die sich um Christus scharen und über die Forderung des Zöllners streiten, während links im Bild am See das Fischwunder geschieht und rechts der Wegzoll entrichtet wird. Ivan Nagel, der Masaccio – neben Giotto und Leonardo – in seinem aktuellen Buch „Gemälde und Drama“ zum Erfinder des „neuen Historienbildes“ macht, fasst das Geschehen in einem Knappestdialog zusammen, der letztlich nur die Gesten der Beteiligten nachbuchstabiert: „Zöllner (mit der Rechten): Ihr dort kommen; (mit der Linken): Ihr hier zahlen. Petrus (mit Rumpf, Hals, Kopf): Dass dich … Christus (mit dem rechten Arm): Du hier friedlich. Du dort Wunder. Petrus (mit dem rechten Arm): Ja, Herr; ich dort Wunder.“

Ein Kürzestdrama mit Konflikt, Krise und Lösung, gefasst in einem Moment, und nicht in Worten, sondern in Gesten. Und eine historische Geschichte, die der Künstler beherzt in die Gegenwart holt. Was aber treibt Ivan Nagel, den großen Berliner Theatermann und Essayisten, dazu, sich derart ausführlich mit italienischer Frührenaissance zu beschäftigen? Das Gleiche, das den sprühenden Feingeist schon zu Mozarts Opern und Goyas Maja-Bildern sowie zur Erstellung eines „Falschwörterbuchs“ der aktuellen Nachrichtensprache führte: die allumfassende Neugier darauf, wie sich das Drama des Lebens in den verschiedenen Künsten spiegelt. Und das Wissen darum, dass es keineswegs nur um schönen Schein geht, sondern um sehr konkrete Politik, in Bild, Wort oder Ton gefasst.

Im Fall der Bildenden Kunst führt das bei Nagel zu einer vehementen Abrechnung mit dem Historienbild, das jahrhundertelang als Königsdisziplin galt: Der Versuch, vergangene Herrscher und Heroen im Bild zu verherrlichen, ist für Nagel bloß Propaganda, aber nicht Kunst. Schon Plutarch mit seiner Charakterisierung der „Malerei als stumme Poesie“, Horaz mit seiner Gleichung „Ut pictura poesis“, die mittelalterliche Forderung einer Bilderbibel für Analphabeten forderten vom Bild vor allem die Vermittlung von poetischem Inhalt, nicht jedoch die formale Eigenständigkeit als Kunstwerk. Je weniger eigener Charakter, je mehr treue Nacherzählung, desto besser.

Kein Wunder, dass das dem Theatermann Nagel bitter aufstößt. Und mit der Hellsichtigkeit des Laien spricht er aus, was Generationen von Ikonografen in ihrer minutiösen Entzifferung von Bildinhalten übersahen. Dass die Stärke, die Eigenständigkeit eines Bildes gerade darin liegt, dass es gegen den Strich erzählt, dass es eine bekannte Geschichte noch einmal anders erzählt, und zwar nicht als chronologischen Verlauf, sondern als dramatische Zuspitzung. Ein Bild, ein Blick, mit dem der Betrachter das Dargebotene erfasst: Damit lassen sich keine Historien erzählen. Aber etwas unendlich Kostbareres: Das Jetzt im Vergangenen erfassen.

So hat auch Masaccio aus der Evangeliumsgeschichte vom Zinsgroschen, die eine chronologische Abfolge erzählt – erst passiert das, dann das, dann das – den einen, entscheidenden Augenblick destilliert, in dem alles zusammenfließt: Die freche Forderung des Zöllners, das Aufbegehren des Petrus, die milde Vermittlung Jesu und die Aussendung zur Wundertat. Und das keineswegs in historisierendem Gewand: So sieht dieser Petrus mit seinem Bart, so sehen die empörten Jünger und der modisch kurzberockte Zöllner aus wie Florentiner Bürger. Einzig Christus, dominierend in die Bildmitte gesetzt, ist von ikonenhafter Zeitlosigkeit. Ähnlich wie der Christus in Leonardos Abendmahl, ähnlich zeitlos wie der in Giottos „Navicella“, dem (verlorengegangenen) Bild vom Gang des Petrus über das Wasser, die Nagel als Vergleichsbilder heranzieht. Ist es ein Zufall, dass in allen drei Fällen die Jünger, speziell Petrus, die eigentlichen handelnden Figuren sind? Hier Christus, die überzeitliche Erlöserfigur, dort Petrus, als einer von uns.

In seinen Bildanalysen ist Nagel brillant, konzise, liest die bekannten Szenen noch einmal aufregend neu. Doch der eigentliche Kern seines Buchs ist ein anderer. Nämlich die Frage, wie es kam, dass in jenen Jahren im Florenz des beginnenden 15. Jahrhunderts mit Alberti, Masaccio, Donatello und Brunelleschi ein Freundeskreis auftrat, der sich aufmachte, die Grenzen der Kunst wie der Architektur neu auszumessen, mit Hilfe der Zentralperspektive, die Brunelleschi für die Architektur, Alberti für die Kunsttheorie entwickelte und erst Masaccio in der Malerei, dem zweidimensionalen Medium schlechthin, zum Triumph führte.

Nagels These ist: Alle vier Künstler waren auf ihre Weise Außenseiter. Und: mehr als nur Freunde. Auffällig oft wird von Zeitgenossen, bis hin zu Vasari, von der engen Freundschaft der Künstler gesprochen, von Vertrauensverhältnissen und Eifersüchteleien. Und sind nicht alle vier Künstler ihr Leben lang unverheiratet geblieben, durchaus eine Ausnahme in damaligen Zeiten? Zeigen sie in ihren Bildern nicht, absehen von frommen Madonnen, fast nur reine Männergesellschaften, Männerbünde, und äußern sich äußert despektierlich über Frauen? Auffällig oft steht im Zentrum der Bilder, in aller dreidimensionalen Diesseitigkeit, der anatomisch klar erfasste junge männliche Körper. War nicht Florenz zu der Zeit allgemein bekannt für Homosexualität, die von Zeitgenossen als „Sodomie“ angeprangert wird, und selbst noch im Grimm’schen Wörterbuch wird unter „florenzen“ das „Laster aus wälschen Ländern“ geführt? Dass sich aus solchem Außenseitertum die Kraft zu trotziger Neuerfindung speist, ist ein Drama, das bis heute wirkt. Und auch die Frührenaissance noch einmal ins Jetzt holt.

— Ivan Nagel:

Gemälde und Drama. Giotto, Masaccio,

Leonardo. Suhrkamp, Frankfurt 2009.

350 Seiten, 48,80 €.

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