Italienischer Theaterherbst : Tage des Zorns

Roberto Saviano eröffnet den Italienischen Theaterherbst in der Berliner Volksbühne.

Renate Klett
Liebesnacht. Ermanna Montanari in „Ouverture Alcina“ aus Ravenna.
Liebesnacht. Ermanna Montanari in „Ouverture Alcina“ aus Ravenna.Foto: M.C. Nirma

Es beginnt prominent, mit „La bellezza e l’inferno“, einem Solo von Roberto Saviano. Zur Eröffnung des italienischen Theaterherbsts in Berlin liest der Schriftsteller auf der Flucht am heutigen Donnerstag in der Volksbühne aus seinem neuen Buch „Die Schönheit und die Hölle“. Savianos Auftritt ist mehr als eine Autorenlesung: Die Aufführung des Piccolo Teatro versteht sich als Manifest gegen die Angst. Jene Angst, die der Verfasser des Mafiaberichts „Gomorra“ das „größte Alibi“ nennt: die größte Ausrede, nichts zu tun gegen die Ungerechtigkeit der Welt. Savianos neue Texte, im Versteck geschrieben, handeln von mutigen Menschen, die sich nicht auf dieses Alibi zurückziehen, von Miriam Makeba oder der getöteten Demonstrantin Neda, Ikone der grünen Revolution im Iran.

Es ist das sechste und vermutlich letzte Mal, dass der Theaterherbst in Berlin stattfindet. Der Veranstalter, das Italienische Theater-Institut, wurde vor ein paar Monaten aufgelöst: Auch das ist dem Kulturkahlschlag in Italien geschuldet, alle in- und ausländischen Proteste halfen nichts. Das Festival war früher auf viele Theater verteilt, diesmal findet es vor allem in der Volksbühne statt, aber auch im Theater an der Parkaue und der Tanzfabrik. In den Vorjahren machte es Furore, mit der grandiosen „Villeggiatura“ des Piccolo Teatro, Goldonis „Trilogie der schönen Ferienzeit“ in der Inszenierung von Toni Sevillo, aber auch mit Gastspielen von Emma Dante, Pippo Delbono, Antonio Latella oder Marco Martinelli.

Enrico Ghezzo, der Erfinder der Fernsehsatire „Blob“, stellt TV-Schnipsel des Tages unkommentiert nebeneinander: Er kommt mit einer Live-Show seiner bösen Zapping-Collagen nach Berlin (23. 10.). Es gibt auch klassisches Theater, etwa einen wunderbaren „Don Quichotte“ vom Nuovo Teatro Nuovo in Neapel. Die Schauspieler Massimo Bellini und Stefano Laguni werfen sich die Worte zu wie Federbälle, es geht um Theater und Trauer, Leben und Literatur, Sehnsucht und Seelenfrieden – und um Cervantes natürlich. Der Riss zwischen Ideal und Wirklichkeit überdauert die Zeiten ebenso wie die Fantasie als Überlebenshilfe (26.10.).

Einen weiteren Höhepunkt verspricht „Ouverture Alcina“ aus Ravenna. Die große Schauspielerin Ermanna Montanari gibt ein Theater-Konzert, das vom Liebesschmerz handelt, vom Wahnsinn der Hexe Alcina (aus Ariosts „Orlando Furioso“) und vom tristen Leben zweier Schwestern in der Romagna. Ein Abend der Extreme, voller visueller, musikalischer und sängerischer Attacken, hoch artifiziell und doch von Leidenschaft getrieben. Ein Hexentrank aus schwarzer Galle und hellem Blut: Die Inszenierung von Marco Martinelli reist seit Jahren mit Erfolg durch Europa ( 6. /7. 11.).

Auch die Gruppe Ortographe kommt aus Ravenna, sie genießt Kultstatus. Die sechs Vorstellungen von „Tentativi di Volo“finden im Obergeschoss der Volksbühne in einer Art Camera Obscura für je 20 Zuschauer statt: Aus dem Dunkel tauchen Schemen auf, Gesichter, Pflanzen, Objekte, sie schweben durchs All oder durchs Wasser und verschwinden im Zwielicht. Verwunschene Seelenreisen: Regisseur Alessandro Panzarotti, der sich auf Goya und den Philosophen Gaston Belachard bezieht, erschafft einen Bewusstseinszustand wie beim Aufwachen, wenn einem die letzten Schlafbilder noch auf der Netzhaut brennen. Nur bleiben seine Bilder länger im Gedächtnis als die Spuksekunden am Morgen (23./24.10.).

Die Babilonia Teatri aus Verona zielen auf das Gegenteil von Kontemplation: Das Pop-Punk-Theater verdichtet Tempo, Absurdität und Überschwang heutigen Großstadtlebens zu schrillem, intelligentem Poptrash. „Made in Italy“ ist eine höhnisch auftrumpfende Abrechnung mit allem, was faul ist im Staate. Sie schimpfen auf den Berlusconi-Wahnsinn, zeigen ein Land zwischen Delirium und Apathie und trampeln dabei lustvoll auf jedem nur denkbaren Tabu herum. Das ist rasend, wüst und unversöhnlich und gefällt auch jenen, die mit Theater sonst nicht viel anfangen können (23. 10.).

Das Teatro Sotteraneo aus Florenz reist ebenfalls mit einer jungen Truppe an: „armes Theater“, das den Missstand der Welt beschwört. Ihr Kollektivprojekt „Dies irae“ zeigt „fünf Episoden über das Ende der Gattung“: Archäologen aus einer fernen Zukunft versuchen, die heutige Erde zu rekonstruieren. Zwischen Tarantino-Gemetzel und Billigauktion, digitalem Countdown und der Wiedereroberung des Planeten durch die Natur verliert dieser Tag des Zorns auch angesichts der Apokalypse nie seinen Sinn für Humor (24.10.).

Auch der Tanz kommt nicht zu kurz, mit „Speak Spanish“ der Gruppe MK und „Figure 1–11“ der Gruppe ESPZ (Tanzfabrik, 3. 11.). Beide Arbeiten gastieren erstmals in Deutschland, es geht um die bösen Folgen der Globalisierung. Das Thema lässt die junge Theaterszene in Italien nicht los, und man versteht gut, warum.

21. 10. - 7. 11., Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Theater in der Parkaue, Tanzfabrik, Infos: www.teatrotheater.de

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