Italiens Oper : Von der Wiege bis zur Bahre

Oper am Scheideweg: Via Staatsdekret erklärt die Regierung Berlusconi Italiens Hochkultur den Krieg. Die Konsequenzen: Landesweit wird gegen die Verordnung von Kulturminister Sandro Bondi gestreikt.

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Heiße Kurven. Blick in den Zuschauerraum der Scala.
Heiße Kurven. Blick in den Zuschauerraum der Scala.Foto: akg-images / Electa

Streik!! Streik?? Ob sich an der Mailänder Scala diesen Donnerstag über der Premiere von Wagners „Rheingold“ wider Erwarten nun doch der Vorhang heben wird, steht bis zur Stunde in den Sternen. Nach Auskunft des Hauses hat Intendant Stéphane Lissner beschwichtigend auf die rituell dauererregten (und vielfältig zerstrittenen) Gewerkschaften eingewirkt: Abgesagte Vorstellungen, so Lissners Plädoyer, nützten allenfalls Berlusconis Anhängern, die auf alles Hochkulturelle per se einen Rochus haben. „Simon Boccanegra“ mit Placido Domingo war dem großen Theaterzorn zum Opfer gefallen, einen Sarg hatte die Belegschaft symbolträchtig über die Via Filodrammatici getragen. Um das ergrimmte Mailänder Publikum zu versöhnen, öffnete man in der vergangenen Woche auf Initiative von Daniel Barenboim zwei „Rheingold“- Hauptproben – „für die Stadt“. Man darf also hoffen. Vielleicht.

Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass in Italien, wo vor über 400 Jahren die Wiege des Musiktheaters stand, die Opera Lirica nun zur Disposition gestellt wird. Man könnte auch sagen: In hohem Bogen wird hier das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Als wolle sich die Regierung Berlusconi unter dem Siegel des Sparenmüssens ihres gesamten Kulturauftrags entledigen. Kahlschlag!, schreien die Betroffenen; Abbau der Privilegien!, schreien vor allem rechtskonservative Kreise zurück – und so ganz kann man es ihnen nicht einmal verübeln. Für das Tragen eines Fracks auf der Bühne oder das Singen in einer Fremdsprache ein üppiges Zubrot zu erhalten, ist in diesen Zeiten schwer vermittelbar. Was nicht heißt, dass die Intellektuellen des Landes die Gelegenheit beim Schopf ergriffen und sich über der gesellschaftlichen und ästhetischen Relevanz der Oper in Italien im 21. Jahrhundert die Köpfe einschlügen. Die Debatte in den Feuilletons plätschert eher müde vor sich hin – ein deutliches Krisensymptom.

Die Konsequenzen: Landesweit wird gegen das betreffende Dekret von Kulturminister Sandro Bondi gestreikt. Mit ihm hat die Regierung den Notstand über die ehedem so glorreiche Opernlandschaft ausgerufen. „Bankrottartige Haushaltsdaten“, so die Diagnose, weshalb die Verordnung zuvor weder dem Parlament vorgelegt noch mit Fachkräften beraten wurde. Das kommt im zweiten Schritt, sagt der Kulturminister. Wenn’s denn dazu kommt, schallt’s aus der Künstlerwelt zurück: „Dieses Dekret bringt uns alle um.“

Das Dekret mag der Anlass sein für die aktuellen Verwerfungen, der eigentliche Streit schwelt schon viel länger. Die Regierung Berlusconi spare die Kultur kaputt, heißt es seit Jahren bei allen, die aktiv in der Kultur arbeiten, egal ob im Denkmalschutz oder in den Museen, beim Film oder in der Musik. Gewerkschafter legen Zahlen vor, nach denen Italien nur mehr 0,23 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts der Kultur widmet – Frankreich hingegen viermal, Deutschland gut sechsmal so viel. Von Jahr zu Jahr streicht der Finanzminister den „Fonds für künstlerische Aufführungen“ stärker zusammen. Die 14 Opern- und Konzertstiftungen des Landes erhalten knapp die Hälfte dieser Mittel. 253 Millionen Euro waren es 2004, 2009 dann nur noch 240 Millionen. Im selben Zeitraum aber tat sich unter den Spielstätten ein Haushaltsloch von 100 Millionen Euro auf. Und die Kosten für die knapp 6000 Beschäftigten stiegen von 330 auf 340 Millionen Euro. Die Intendanten sprechen von „notwendigen Ausgaben zur Sicherung der künstlerischen Qualität“, das Ministerium von Verschwendung. Und Staatssekretär Francesco Giro droht unverhohlen, man habe Fabriken und Krankenhäuser geschlossen, man könne „auch Theater schließen“.

Zweieinhalb Jahre lang dürfen die Opernhäuser keine Festanstellungen mehr vornehmen

Zweieinhalb Jahre lang nun dürfen die Opernhäuser keine Festanstellungen mehr vornehmen. Nebentätigkeiten von Orchestermitgliedern (wie das Unterrichten am Konservatorium!) werden verboten. Die Einkünfte aus Haustarifverträgen verringern sich um die Hälfte. Damit will die Regierung nicht nur den Wildwuchs der Zulagen lichten, sondern auch Druck auf Opernstiftungen und Gewerkschaften ausüben, den stillgelegten Flächentarifvertrag unter Aufsicht des Staates endlich zu erneuern.

Das Dekret sieht außerdem vor, die Mittel künftig umzuschichten: Mehr Zulagen erhält, wer „kulturell bedeutende Produktionen“ vorweist, die Vorstellungen „quantitativ“ steigert und – durch Besucherzahlen nachzuweisen – den Geschmack des Publikums besser trifft. Mehr bekommt auch, wer seinen Haushalt „regulär“ führt und sich möglichst viel Geld bei privaten Sponsoren besorgt. Erlaubt ist, was gefällt? Drastischer kann man eine Kunstform von Staats wegen nicht privatisieren und popularisieren. Über ein ernst zu nehmendes Musikleben, von den Radioprogrammen bis zu den Orchestern, verfügt Italien seit Jahrzehnten nicht mehr.

Mit Sponsoring haben zumindest die römische Konzertakademie Santa Cecilia und die Mailänder Scala gute Erfahrungen gemacht. Seit 2005 verzeichnet die Scala mit 60 Prozent Eigeneinnahmen gar einen ausgeglichenen Haushalt. Dass Mailand und Rom, weil sie entsprechende Auflagen erfüllen, nun noch mehr Staatsgeld bekommen sollen, löst andernorts Empörung aus – und schürt Ängste: „In Mailand sitzen die Banken, in Rom Unternehmer und Politik, beide Bühnen haben einen Einzugsbereich von Millionen Menschen, aber wo sind die privaten Geldgeber, die uns helfen?“, fragt nicht nur der Intendant des renommierten „Maggio Musicale“ in Florenz, Francesco Giambrone.

Hilft alles nichts, entgegnet Staatssekretär Giro: „Wenn wir das Finanzdesaster nicht beseitigen, sterben einige Theater in zwei Jahren ganz.“ Dieser Tage beginnen in Rom die Parlamentsdebatten und die Verhandlungen mit den Gewerkschaften. Und vielleicht hilft es bei dieser Quadratur des Kreises ja doch, sein Ohr Richard Wagner zu leihen: „Nur wer der Minne Macht entsagt,/nur wer der Liebe Lust verjagt,/nur der erzielt sich den Zauber,/zum Reif zu zwingen das Gold“, mahnen die Rheintöchter.

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