Kultur : Ivan Nagel, Essayist und Ex-Intendant, appelliert an den Chef der Berliner Festspiele

Lieber Ulrich Eckhardt

heute geben Sie in einer Pressekonferenz die Pläne der Berliner Festspiele für das Jahr 2000 bekannt. Da wird gewiss alte und neueste Musik angekündigt, an der Jahrhundert-Grenze erhellend gesammelt von Ihrem Gefühl und Sachverstand. Hinzu soll Theater aus deutschen und fremden Ländern kommen, laut Einladung im hoffentlich "wieder zu belebenden Schiller-Theater". Was Ihrer Pressereferentin Hoffnung ist, ist mir Befürchtung.

Ich halte das Schiller-Theater für gänzlich ungeeignet, theatralischer Hauptort der Festspiele zu werden. Ich bitte Sie, im letzten Moment, diese Entscheidung zu ändern. Sie würde die Festspiele, die Sie seit Jahrzehnten glorios leiten, für Jahrzehnte trüb und elend belasten.

Berlin hat nicht nur ein geschlossenes Theater - sondern zwei große Schauspiel-Bühnen mit über tausend Plätzen, deren Untergang der Senat durch Fehlgriffe der achtziger Jahre mitverschuldet hat. "Geschlossen" worden sind eigentlich beide nicht. In der Freien Volksbühne an der Schaperstraße wie im Schiller-Theater an der Bismarckstraße wurden seit ihrer künstlerischen Zerstörung ganze Serien von Pleite-Musicals produziert. Aber damit hört die Ähnlichkeit dieser beiden Häuser auf. Ihre Geschichte, ihre Physiognomie werden von einem krassen Gegensatz bestimmt.

Das üppig dotierte Schiller-Theater mit einem brillanten Ensemble brachte 1960-80 immer wieder große Aufführungen (von Kortner und Beckett, von Konrad Swinarski, Walter Henn oder Hans Lietzau) hervor. Gastspiele aber gingen auf seiner Bühne fast immer unter. In der dürftig subventionierten Volksbühne scheiterten die meisten Eigenproduktionen, trotz der Theaterleiter Erwin Piscator und Kurt Hübner. Aber ich kenne keinen gesegneteren Ort für gastierende Theater. Die Freie Volksbühne war seit der Gründung des Berliner Theatertreffens dessen herrliches Zuhause. Über hundert wichtigste, schönste Inszenierungen (so schmerzlich Benno Besson, Adolf Dresen, Heiner Müller aus der DDR dabei fehlten) haben in diesem Raum triumphiert.

Zum Beispiel: Meine Hamburger Truppe spielte in der Freien Volksbühne zwei fast mörderisch gegensätzliche Inszenierungen, Rudolf Noeltes "Menschenfeind" und Peter Zadeks "Othello". Ihre Radikalität und Genialität leuchtete hier noch klarer und heftiger als bei uns im Deutschen Schauspielhaus. Das Gegenbeispiel: Theatertreffen 1999. Eigentlich sollte das spießig-rückständige Programm, das Peter Iden und Co. als Jury ausheckten, zum neuen Theatertreffen-Ort Schiller-Theater passen: Kunstgewerbe zu Kunstgewerbe, Adenauer-Geist zum Adenauer-Bau. Und dennoch: Kaum eine dieser Aufführungen erreichte die achte bis zehnte Reihe, ohne abzustürzen.

Zwei der geist- und kunstreichsten Schauspieler von heute, Kirsten Dene und Martin Schwab, mußten sich mühen, "rüberzukommen" - bis sich ihre Bernhard-Pointen zu angestrengtem Kneipen-Kabarett vergröberten. Sogar Karl-Ernst Herrmanns Bühnenbild für Botho Strauß wirkte diesmal und hier als das tausendfach aufgeblasene Modell einer Mehrzweck-Puder-und-Hautcreme-Dose für Guerlain oder Chanel ("Der Kuss des Vergessens"). Was Wunder? Die Aufführungen kamen aus dem Wiener Akademietheater, aus dem Zürcher Schauspielhaus. Deren Bühnen (auch Zuschauerräume!) hätten im Schiller-Gehäuse mehrmals Platz.

Sie, lieber Herr Eckhardt, haben in einem Interview im vergangenen Jahr selber (im Irrealis) gesagt: Besser als im Schiller Theater hätten die Festspiele ihre künftige Heimat in der Freien Volksbühne finden können. Die Kulturverwaltung hatte sich taub gestellt, die verschuldete Besucherorganisation ihr West-Theater verkaufen müssen. Der Verkauf brachte ihr 14 Millionen - ein Siebtel dessen, was Berlin Jahr für Jahr seiner Staatsoper zusteckt. Man hört, die Neubesitzer wollen das Theater (nach der erneuten Musical-Pleite) zum Kino umbauen. Kurz: Sollte das Land Berlin (oder: sollte der Bund) nicht eines der schönsten Grundstücke der Hauptstadt mitsamt Theater für diese "peanuts"-Summe zurückerwerben?

Das Schiller-Theater ist immer schon im öffentlichen Besitz. Aber spart man wirklich Geld, wenn man es zum Gastspiel-Theater zweckentfremdet? Der Bau wurde von seinen Pächtern ausgeweidet wie eine Weihnachtsgans. Nackt und verdreckt haben sie es nach sechs Jahren dem dummen Vermieter Berlin zurückgereicht. Soeben muss dort das Gorki Theater noch seinen letzten Scheinwerfer und Lautsprecher einsetzen, um das Umbau-Provisorium mit Anstand und Niveau durchzustehen. Würden die technische Aufrüstung, die Baureparaturen im Schiller-Theater nicht sogar mehr kosten als der Erwerb des Theaters der Freien Volksbühne - deren Substanz alle Musical-Schande relativ heil überstand?

Der Banause von einem Kultursenator, der sein provinz-großkotziges "Hauptstadt-Festspielhaus" wollte, der meinte, die Schiller-Neueröffnung brächte ihm ebenso viele Stimmen von BZ-Lesern ein, wie die Schiller-Schließung einst seinen Vorgänger kostete - Peter Radunski also ist weg. Wir sind wieder freie Menschen, dürfen "Kultur" und "Kunst" sagen, ohne damit nur "Marketing" und "Standortfaktor" zu meinen. Wollen wir nicht anfangen, neu nachzudenken? Und dann, lieber Herr Eckhardt (vielleicht mit Thobens und Naumanns Hilfe), neu zu handeln?

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